Sektion Koblenz
Russlands Geopolitik in einer multipolaren Welt. Historische und aktuelle Perspektiven.
Koblenz. Der Vortrag fand am 26. August 2025 um 19:00 Uhr im Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz vor ca. 80 interessierten Zuhörern statt.
Ziel des Vortrags eines ausgewiesenen Experten osteuropäischer und russischer Geschichte war es, die aktuellen russischen Narrative einer historischen Betrachtung zu unterziehen. Im Wesentlichen ging es um die Fragen, inwieweit der Westen in der Folge des Zerfalls der Sowjetunion 1990/91 eingegangene Zusagen nicht eingehalten habe und inwieweit die seit 1991 unabhängig gewordenen vormals sowjetischen Gebiete Teil des „alten“ russischen Reichs seien.
Prof. Dr. Kusber zeigte zu Beginn die langen Linien russischer Expansion in der Zarenzeit seit Zar Peter I. auf. Die Eroberungen wurden in alle Richtungen geführt und machten das Zarenreich / die Sowjetunion zu einem Vielvölkerreich mit einer zumeist sehr rigiden Herrschaft aus Moskau. Erst der Zerfall der Sowjetunion gab vielen Völkern ihre Unabhängigkeit zurück. Die von Putin als die „Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete Auflösung des alten Systems führte das Baltikum (vormals die Hightech-Region der Sowjetunion sowie Zentralasien und die Ukraine (beide Regionen wichtig für Landwirtschaft und die Textilindustrie) in die Unabhängigkeit. Erst der Rubel-Crash 1998 führte in Russland zum Ruf nach „einem starken Mann“, der dann ab dem Jahr 2000 Wladimir Putin wurde.
Im zweiten Teil des Vortrags wurden die besonderen Beziehungen Deutschlands zu Russland beschrieben, die ausgehend von Rapallo 1922, über den Hitler-Stalin-Pakt schließlich zur Wiederannäherung unter Konrad Adenauer und Willi Brand führten.
Der dritte Teil thematisierte die Ukraine. Er zeigte den Weg von der ehemals ukrainischen Sowjetrepublik über die Unabhängigkeitserklärung und Anerkennung durch Russland, das Budapester Memorandum, die Orangene Revolution und die Euromaidan-Bewegung hin zur Besetzung der Krim durch Russland und den 2022 beginnenden Angriffskrieg Russlands auf.
Zum Abschluss wurden ideologische Fragen dargestellt, vom Euroasismus-Narrativ bis zu Russkij Mir, der russischen Welt als geopolitische Konzeption.
Der Vortrag von Prof. Dr. Kusber griff in seinem Vortrag einzeln die verschiedenen Behauptungen Putins auf, die allesamt sehr wenig überzeugend seien und sich relativ leicht widerlegen ließen.
In der anschließenden Diskussion wurden einzelne Aspekte diskutiert, von der Unabhängigkeit von Belarus, über Bedrohungsszenarien für das Baltikum und Moldawien bis hin zur derzeitigen und zukünftigen Zusammenarbeit von Universitäten und Kulturschaffenden mit Russland.
Der Vortrag zeigte in der Gänze ein recht düsteres Bild des imperialen Putin-Russlands, thematisierte auch die Nähe einiger deutscher Parteien zu Russland und betonte, dass die Verteidigungsfähigkeit Europas auch jenseits eines möglichen Friedensschlusses unabdingbar sei.
Insgesamt war es ein sehr informativer Abend und sehr lohnender Vortrag.
Text: Carlo Schnell