Die Suezkrise 1956 – gescheiterter Kampf um den Kanal

Die Suezkrise 1956 – gescheiterter Kampf um den Kanal

Die Planung der Aktion ist streng geheim. In der Nacht des 26. Juli 1956 besetzen ägyptische Kommandoeinheiten die Verwaltungsbüros und alle technischen Einrichtungen der Betreibergesellschaft des Suezkanals. Sie stoßen auf keinen Widerstand. Die europäischen Führungskräfte und Angestellte sind zu Hause und hören an den Radios die Rede von Präsident Gamal Abd al-Nasser zum Jahrestag der Revolution. Oberst Nasser hat zusammen mit Offizieren der Gruppe „Freie Offiziere“ am 23. Juli 1952 gegen den prowestlich eingestellten König Faruk I. geputscht. Nach dessen Abdankung geht er ins Exil nach Italien. Sein sechs Monate alter Sohn wird nominal zum König ausgerufen, jedoch am 18. Juni 1953 abgesetzt. Ägypten wird zur Arabischen Republik erklärt. 

Frankreich und Großbritannien trifft dieser Coup vollkommen unvorbereitet. Der Suezkanal ist eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Bei seiner Eröffnung im November 1869 war er 164 Kilometer lang. Die künstliche Wasserstraße verbindet Port Said am Mittelmeer mit Suez am Roten Meer. Heute ist er 193 Kilometer lang und 200 bis 210 Meter breit. Seitdem müssen Schiffe nicht mehr um das Kap der Guten Hoffnung fahren, um von Europa nach Asien zu gelangen. Der Kanal verkürzt die Seereise um rund 5.000 Kilometer. Da es sich um einen Meerwasserkanal auf gleicher Höhe handelt, gibt es keine Schleusen. Er bildet die Grenze zwischen Afrika und Asien. Etwa zwölf Prozent des Welthandels werden über ihn abgewickelt. Seine strategische und wirtschaftliche Bedeutung nimmt immer weiter zu. Er wurde von der französischen Suezkanal-Gesellschaft unter der Leitung von Ferdinand de Lesseps gebaut und finanziert. Später waren die Aktien der Gesellschaft mehrheitlich in britischem und französischem Besitz. 

Um die Suezkrise nachzuvollziehen, einige Fakten zum Nahen Osten. Am 29. November 1947 wird durch die Entscheidung der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNO) die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat, sowie ein international verwaltetes Jerusalem beschlossen. Die Briten ziehen danach ihre Kolonialtruppen ab. Am 14. Mai 1948 ruft der spätere israelische Ministerpräsident Ben Gurion den Judenstaat aus. Bereits am nächsten Tag greifen Ägypten, Syrien, der Libanon und der Irak den neuen Staat an. Der Erste Arabisch-Israelische Krieg endet offiziell am 20. Juli 1949 durch das Waffenstillstandsabkommen mit Syrien. 

Drei Jahre später putschen sich ägyptische Offiziere an die Macht, da das Regime von König Faruk I. das Volk immer stärker ausbeutet. Die neuen Machthaber wollen die Korruption bekämpfen, die Preise für Grundnahrungsmittel reduzieren, Arbeitsplätze schaffen, Oppositionsparteien genehmigen, eine Landreform durchführen und den Assuan-Hochdamm zur Energieversorgung bauen. Das Ziel ist die Lebensbedingungen der damals etwa 22 Millionen Einwohner zu verbessern. Heute beträgt die Bevölkerung mehr als 120 Millionen. 

Im Laufe der Jahre beansprucht Ägypten eine Führungsrolle gegenüber den anderen arabischen Staaten. Die Ansichten Nassers über einen panarabischen Nationalismus, Anti-Zionismus, einen blockfreien arabischen Sozialismus in Verbindung mit Anti-Kapitalismus und Anti-Imperialismus werden von der Bevölkerung positiv aufgenommen. Die britische Kolonialmacht hat ab 1955 immer mehr Truppen nach Hause geholt. Der britisch-ägyptische Militärvertrag war bereits 1951 gekündigt worden. Die letzten Truppen verlassen die Kanalzone schließlich im Juni 1956.

Frankreich ist zwar nicht direkt im Nahen Osten involviert, hat jedoch die Niederlage in Indochina im Jahr 1954 sowie die algerische Unabhängigkeitsbewegung, das nächste ungelöste Kolonialproblem, innenpolitisch zu verarbeiten. Das Exil-Hauptquartier der „Front de Libération Nationale“ (FLN) befindet sich in Kairo und Nasser hält seine schützende Hand über die die algerische „Nationale Befreiungsfront“.

Der neuen Führungsschicht um Präsident Nasser sind die Besitzverhältnisse des Kanals ein Dorn im Auge. Die Jahreseinnahmen der Suezkanalgesellschaft betragen etwa 50 Millionen US-Dollar. Davon erhält Ägypten rund sieben Prozent. Ein regulärer Erwerb der Aktien wäre aus dem Staatshaushalt nicht zu finanzieren, sodass nur die „Verstaatlichung“ bleibt, um an die Einnahmen zu gelangen. Diese Gelder werden auch dringend benötigt, um den Bau des Assuan-Staudamms zu finanzieren. Im Juli 1956 hatte Amerika seine Zusage zur Finanzierung zurückgezogen, da der Widerstand im US-Kongress gegen Finanzhilfen an ein Land, das sich politisch vom Westen abwendete, immer stärker werden. 

Diplomatische Verhandlungen zur Lösung des Problems bleiben erfolglos. Zudem befindet sich der republikanische amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower im Vorwahlkampf und will seine Wiederwahl nicht durch einen Krieg im Nahen Osten gefährdet sehen. Noch während der Verhandlungen bilden Briten und Franzosen ein „Integriertes Oberkommando“. Auch Israel ist zum militärischen Einsatz entschlossen, da es die militärische Ausrüstunghilfe Ägyptens durch die Sowjetunion als Bedrohung empfindet.

Die Operation „Musketeer“ sieht einen Angriff Israels über die Sinai-Halbinsel bis zum Suezkanal vor. Die britische Luftwaffe soll die ägyptische Luftwaffe auf den Flugplätzen vernichten. Darüber hinaus soll sie den Luftraum gegen andere arabische Luftstreitkräfte sichern, insbesondere auch gegen Angriffe auf Israel. Die britisch-französische Interventionsarmee hat den vorgeschobenen den Auftrag, den Suezkanal vor Ägypten und Israel zu „schützen“.

Der Angriff beginnt am 29. Oktober vor Sonnenuntergang mit der Landung eines israelischen Fallschirmjägerbataillons östlich des Metla-Passes. In der Nacht sind gepanzerte Kampftruppen unter Führung von Ariel Scharon über Gaza auf die Sinai-Halbinsel vorgestoßen. 

Am 30. Oktober um 18:00 Uhr richten Großbritannien und Frankreich folgende Forderung an Ägypten:

„1. Jegliche Kriegsaktionen sollen sofort unterbrochen werden. 
 2. Die ägyptischen Truppen haben sich auf das westliche Ufer des Suezkanals und die israelischen Truppen 10 Meilen östlich des Kanals zurückzuziehen. 
 3. Ägypten soll die vorübergehende Besetzung von Port Said, Ismailia und Suez durch die Alliierten dulden, um die beiden kriegführenden Parteien zu trennen und die Schifffahrt im Suezkanal zu schützen.” 

Für das Ultimatum werden 12 Stunden eingeräumt, doch Ägypten lehnt ab. 

Am 31. Oktober beginnen die britisch-französischen Luftangriffe. In den folgenden Tagen ziehen sich die ägyptischen Truppen vom Sinai zurück, um einer möglichen Einkesselung zu entgehen. Am 5. November beginnt die Zangenoperation der Briten und Franzosen. Die Briten landen westlich des Kanals bei Port Said und die Franzosen östlich bei Port Fouad, um von dort nach Süden vorzustoßen. 

Großbritannien und Frankreich haben die weltpolitische Reaktion jedoch völlig unterschätzt. Bereits am 2. November haben die USA dem UN-Sicherheitsrat eine Entschließung zur sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen vorgelegt. An der New Yorker Börse gerät das britische Pfund in unkontrollierbare Kursschwankungen. Die sowjetische Führung ist durch den Ungarnaufstand stark beansprucht, doch Regierungschef Nikolai Bulganin richtet am 6. November Briefe an London und Paris. Darin heißt es: „Wir sind entschlossen, die Aggressoren zu stoppen. […] Wir sind bereit, die modernsten Waffen einzusetzen.” Das ist eine unverhohlene Drohung, denn der Begriff „modernste Waffen” ist nichts anderes als die Bezeichnung für Atomwaffen.

Um Mitternacht des 6./7. November werden die Kampfhandlungen eingestellt. Die Generalversammlung der UNO beschließt auf Vorschlag des Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, neutrale Truppen zwischen den kriegführenden Parteien zu stationieren und die Aushandlung des Waffenstillstands zu überwachen. Das ist die Geburtsstunde der sogenannten Blauhelm-Soldaten. Sie kommen aus Dänemark, Finnland, Kanada und Kolumbien. Die rund 4.100 Soldaten der United Nations Emergency Forces (UNEF) werden in Brindisi, Italien, zusammengezogen und mit Schweizer Flugzeugen an ihre Einsatzorte gebracht. Großbritannien und Frankreich ziehen ihre Truppen bis zum 22. Dezember 1956 ab, ebenso Israel auf Anfang 1957 die Waffenstillstandslinie von 1949. Über gefallene ägyptische (1000-3000), britische und französische (unter 50) Soldaten sowie ägyptische Zivilisten in und um Port Said (650-2700) und Palästinenser in Gaza (275) gehen die Angaben auseinander.

Mit dem missglückten Suez-Abenteuer sind die imperialen Zeiten Großbritanniens und Frankreichs endgültig vorbei. Premierminister Antony Eden tritt im Januar 1957 zurück. Im Nahen Osten verstärken die USA und die Sowjetunion ihren Einfluss. Gamal Abd al Nasser wird endgültig zur Führungsfigur in der arabischen Welt. Unbeabsichtigt fördern Briten und Franzosen 1956 einen geopolitischen Wendepunkt: Die Zeiten der alten europäischen Kolonialmächte sind vorbei. Die USA werden zur globalen Ordnungsmacht, die Sowjetunion zu einem Akteur im Nahen Osten. 

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