Am 23. Oktober jährt sich der Ausbruch des Ungarn-Aufstands zum siebzigsten Mal. Wie kam es dazu? Eine kurze Einordnung in das damalige Zeitgeschehen. 1953 war Josef W. Stalin gestorben, der seit 1922 an der Spitze der Sowjetunion gestanden hatte. Den internen Machtkampf um seine Nachfolge gewann Nikita Chruschtschow. Drei Monate später kam es in verschiedenen Städten der DDR zu spontanen Streiks und Demonstrationen. Nur mit Hilfe sowjetischer Truppen konnten sie niedergeschlagen werden. Im nächsten Jahr wurde der 17. Juni in der Bundesrepublik als „Tag der deutschen Einheit“ zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Noch im Juli 1953 kam es nach einem dreijährigen Krieg in Korea in Panmunjon zum Waffenstillstand. Seitdem ist das Land geteilt und es gibt bis heute keinen Friedensschluss.
Am 4. Juli 1954 zog das „Wunder von Bern“ nicht nur Sportinteressierte in den Bann. Im Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft schlug die deutsche Mannschaft die hoch favorisierte „Goldene Elf“ Ungarns mit 3:2 Toren. Deren Spielführer, Major Férenc Puskas, setzte sich nach dem Volksaufstand in den Westen ab.
Am 9. Mai 1955 trat die Bundesrepublik Deutschland der NATO bei. Darauf reagierte der Ostblock mit der Gründung des Warschauer Pakts (WP) am 14. Mai 1955: Unter Führung der Sowjetunion wurden Polen, die Tschechoslowakei, Bulgarien, Ungarn, Rumänien, die DDR und Albanien Mitglieder in dem Militärbündnis.
Nach dem Regierungswechsel in Moskau, erhoffte man sich in den Satellitenstaaten gewisse Erleichterungen – allerdings vergebens – vom sowjetischen Joch. In Polen kam es dann zur ersten Massendemonstration gegen die kommunistische Herrschaft. Am 28. Juni 1956 demonstrierten in Posen rund 100.000 Arbeiter und Bürger gegen schlechte Arbeitsbedingungen, überhöhte Arbeitsnormen und das kommunistische Regime. Die Armee schlug den Aufstand mit Waffengewalt nieder, wobei etwa 100 Menschen getötet wurden. Die in Polen stationierten Sowjettruppen wurden in Gefechtsbereitschaft versetzt, dann aber wieder in ihre Kasernen beordert.
Seit April 1945 war Ungarn von Truppen der Roten Armee besetzt. In den folgenden Jahren gelang es der Kommunistischen Partei, die Macht zu übernehmen und jede Opposition auszuschalten. Am 20. August 1949 wurde die Volksdemokratie nach sowjetischem Muster proklamiert und drei Jahre später wurde der Stalin Treue Mátyás Rákosi Ministerpräsident.
Nach dem Tod Josef W. Stalins wurde Rákosi durch Imre Nagy ersetzt. Dieser verkündete ein Reformprogramm mit demokratischeren Zügen. Doch schon nach zwei Jahren hatten sich die alten Kader wieder durchgesetzt und Nagy als Ministerpräsident abberufen. Sein Nachfolger wurde Rákosis Gefolgsmann András Hegedüs.
Die Entscheidung des Westens, im Oktober 1954 die „Pariser Verträge” zu schließen – die Bundesrepublik wurde Gründungsmitglied der Westeuropäischen Union und des Nordatlantikpakts – führte zur Verschärfung der sowjetischen Politik gegenüber ihren Satellitenstaaten. Ungarn war, wie erwähnt, Gründungsmitglied des Warschauer Pakts (WP).
Durch dieses Militärbündnis vergrößerte die Sowjetunion ihren Einfluss auf die Satellitenstaaten. Ungarn war zum „Frontstaat“ geworden. Die Armee zählte 1955 etwa 200.000 Mann. Hinzu kamen eine Grenzwache von 20.000 Mann sowie bewaffnete Ordnungskräfte des Staatssicherheitsdienstes (ÁVH) mit 15.000 Mann. Die ÁVH sorgte dafür, dass die Gefängnisse, Internierungs- und Arbeitslager gefüllt wurden. Abweichler von der vorgegebenen Parteilinie wurden in „Schauprozessen“ nach stalinistischem Muster verurteilt. Zwischen 1952 und 1955 sollen es mehr als eine Million Bürger gewesen sein.
Auf dem XX. Parteikongress der Kommunistischen Partei in Moskau rechnete Generalsekretär Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 mit den Führungsmethoden des bisher als „Gott“ verehrten Stalin ab. Er schilderte ihn als Massenmörder und blutrünstigen Diktator. Dieses Ereignis glich einem Erdbeben und wurde in den Satellitenstaaten sowohl von den Führungskadern als auch von oppositionellen Kreisen aufmerksam registriert.
In Ungarn waren bereits im Frühsommer 1956 Proteste von Studenten und Intellektuellen zu vernehmen. Diese spielten sich noch im Rahmen des „Petöfi-Kreises” ab. In diesem vom Kommunistischen Jugendverband geförderten Diskussionsforum wurde eine „Entstalinisierung“ gefordert. Im Juli musste Ministerpräsident Rákosi seinen Posten räumen und wurde nach Moskau gebracht. Sein Nachfolger wurde Ernö Gerö, ein unpopulärer Politiker aber treuer Gefolgsmann Moskaus. Er versuchte, die Stimmung in der Bevölkerung zu verbessern, indem er politische Gefangene freiließ und László Rajk und seine Gefolgsleute rehabilitierte. Sie waren im Oktober 1949 als „Titoisten“ hingerichtet worden. Durch die Verhaftung und öffentliche Verurteilung von ÁVH-Offizieren hoffte die kommunistische Führung, die Unzufriedenen zu beruhigen. Sie sollten glauben, dass nun ein neuer Kurs eingeschlagen würde.
In dieser Phase waren es vor allem Studenten, die sich mit Argumenten gegen Partei und Regierung wandten. Der „Verband der Werktätigen Jugend“ hatte eine Monopolstellung im Staatssystem. Am 15. Oktober erklärte die Studentenschaft der Universität in Szeged, einer Stadt in Südungarn, ihren Austritt aus dem Verband. Sie gründeten eine eigenständige Studentenverbindung. Am 22. Oktober schlossen sich die Budapester Studierenden ihren Kommilitonen an und stellten in einem 16-Punkte-Programm Forderungen an Partei und Regierung.
Am Nachmittag des 23. Oktobers zogen Studenten, Professoren, Angestellte und Arbeiter in Budapest zur Statue des polnischen Generals Josef Bem, der 1848/49 mit den Ungarn gegen die Habsburger gekämpft hatte. Bis zum Abend waren es rund 300.000 Menschen, die friedlich demonstrierten. Die Studenten verlasen ihre Forderungen, dazu gehörten unter anderem der Abzug der Sowjettruppen, Pressefreiheit, Streikrecht für Arbeiter, die Abschaffung des Russischunterrichts, freie und geheime Wahlen sowie die Rückkehr von Imre Nagy.
Ein Teil der Demonstranten marschierten zum Parlaments-, ein anderer zum Rundfunkgebäude. Hier wurden sie nicht hineingelassen. Der gewaltsame, aber waffenlose Versuch, das Gebäude zu stürmen, wurde durch Schüsse der ÁVH-Wachen verhindert. Durch das Feuer der Geheimpolizei gab es die ersten Toten und die friedlichen Demonstrationen entzündeten sich zu einem Volksaufstand.
Im Laufe der nächsten Stunden kam es zu Straßenkämpfen zwischen der Bevölkerung und Einheiten der Sowjetarmee. Die Erhebung breitete sich zu einem Freiheitskampf gegen die sowjetischen Besatzer aus. Es bildeten sich Kampfgruppen aus Arbeitern, Studenten, Angestellten und Armeeangehörigen, die sich Waffen beschafft hatten. Als Führer wählten sie Persönlichkeiten ihres Vertrauens.
Vom 25. bis 27. Oktober wurde gekämpft und verhandelt. Aus Moskau waren die Mitglieder des Politbüros Michail A. Suslow und Anastas I. Mikojan nach Budapest gereist. Eine neue Regierung unter Imre Nagy sollte die Ordnung wiederherstellen. Am 28. Oktober wurden eine allgemeine Feuereinstellung, der Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest, die Auflösung der ÁVH und eine Amnestie für die Aufständischen verkündet. In den nächsten beiden Tagen wurden weitere Reformen bekannt gegeben. Diese umfassten die Abschaffung des Einparteiensystems, den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die zukünftige Neutralität und waren somit das Ende des Kommunismus.
Während in Budapest beraten und gestritten wurde, begann am 29. Oktober im Nahen Osten die „Suez-Krise”. Der Blick der Weltöffentlichkeit war nun nicht mehr allein auf Ungarn gerichtet. In Moskau erklärte Chruschtschow: „Wenn wir jetzt, da der Westen im Nahen Osten seine eigene Politik macht, Ungarn räumen würden, stellten wir uns nur bloß. Unsere Partei würde nie verstehen, dass wir unsere Position nicht nur in Ägypten, sondern auch in Ungarn den westlichen Imperialisten ausliefern.“ Hinzu kamen Befürchtungen eines „Domino-Effekts“: Andere Staaten könnten das Militärbündnis ebenfalls verlassen.
In der Nacht vom 3. auf den 4. November wurde Ungarns Verteidigungsminister, General Pál Maléter, bei Verhandlungen über den Abzug der Sowjettruppen in deren Hauptquartier in Tököl von sowjetischen Offizien verhaftet. Später in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und in Budapest hingerichtet. In den Morgenstunden des 4. Novembers begannen sowjetische Panzerdivisionen mit der Operation „Wirbelsturm“. Noch bis zum 15. November wehrten sich die Ungarn gegen die Übermacht. Dann begruben aber auch die letzten ungarischen Unabhängigkeitskämpfer den Traum von der Freiheit. Etwa 200.000 Ungarn verließen damals ihre Heimat, davon fanden circa 14.000 Aufnahme in der Bundesrepublik.
Vom 23. Oktober bis Ende Dezember wurden rund 3.000 Ungarn getötet, davon fast 2.000 bei den Straßenkämpfen in Budapest. Rund 20.000 Menschen wurden verwundet und mussten medizinisch versorgt werden. Auf Seiten der Roten Armee gab es 2 260 tote Soldaten und rund 1 500 Verwundete. Zehntausende Ungarn wurden von der neuen Regierung verhaftet und mindestens 200 Menschen hingerichtet. Das letzte Todesurteil wegen „Konterrevolution“ wurde 1957 an der vierundzwanzigjährigen Medizinstudentin Ilona Tóth nach einem Schauprozess vollstreckt. Sie wurde zu einer Märtyrerfigur des ungarischen Antikommunismus und nach 1990 juristisch rehabilitiert. Die dreizehn Tage der Herbstrevolution in Ungarn waren die blutigsten in einem Satellitenstaat bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1989.