Die Berliner Mauer: gebaut 1961, gefallen 1989 - Wie die „Operation Rose“ den Westen überrumpelt
65 Jahre nach Beginn des Mauerbaus wird ein temporärer Gedenkort am Brandenburger Tor an die deutsch-deutsche Grenze erinnern. Die offizielle Gedenkfeier am 13. August findet an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße statt. Ein Rückblick auf „die Frontstadt“ und den mehr als 40 Kilometer langen „antifaschistischen Schutzwall” mitten durch Berlin.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 ist Berlin eine in vier Sektoren geteilte Stadt. Schon im darauffolgenden Jahr wachsen die Spannungen zwischen den drei westlichen Alliierten und der Sowjetunion. Kurz zuvor hatten die Westmächte in ihren Besatzungszonen und in den Westsektoren die Währungsreform durchgeführt. Am 24. Juni 1948 begann die Berlin-Blockade mit der Abriegelung der Land- und Wasserwege. Diese waren jedoch für die Versorgung der Bevölkerung lebensnotwendig. Während der Blockade organisierten die Alliierten die größte Luftbrücke seit Ende des Zweiten Weltkriegs, um die Bewohner der Westsektoren mit Lebensmitteln, Heizmaterial und dringend benötigten Ersatzteilen für Maschinen zu versorgen. Am 12. Mai 1949 endet die Blockade.
Während sich die Lebensbedingungen in West-Berlin und der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland verbesserten, verschlechterten sie sich in Ost-Berlin und der DDR. Am 17. Juni 1953 beginnt in Berlin der Volksaufstand. Er greift auf 500 Orte in der DDR über. Durch sowjetische Truppen wird er blutig niedergeschlagen. Erst am 21./22. Juni sind „Ruhe und Ordnung” in Ost-Berlin wiederhergestellt. Zum Gedenken an den Aufstand und seine Opfer wird der 17. Juni in der Bundesrepublik zum Tag der Deutschen Einheit erklärt. Dies blieb er bis zum Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.
Der 1. Mai 1960 geht in die Geschichte ein. Über der Sowjetunion wird ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug des Typs U-2 abgeschossen. Sein Pilot Gary Powers kann sich mit dem Fallschirm retten, gerät aber in Gefangenschaft. Für Mitte Mai war die Fortsetzung der Gespräche über den Status von Berlin in Paris geplant. Doch die Konferenz endet, bevor sie richtig begonnen hat. Generalsekretär Nikita S. Chruschtschow schloss weitere Verhandlungen für die nächsten sechs bis acht Monate aus.
Am 20. Januar 1961 tritt der Demokrat John F. Kennedy die Nachfolge des Republikaners Dwight D. Eisenhower als Präsident an. Nun finden am 3. und 4. Juni in Wien Gespräche zwischen dem Generalsekretär und dem Präsidenten statt. Chruschtschow legte ein Ultimatum zur Aufhebung des Viermächtestatus für Berlin vor. West-Berlin solle eine „Freie Stadt“ werden. Bei einer Ablehnung droht Moskau unter anderem mit einem separaten Friedensvertrag mit Ost-Berlin. Präsident Kennedy geht jedoch nicht auf die Forderungen ein.
In der DDR-Nomenklatura gibt es schon länger die Absicht, die Übergänge von Ost nach West zu schließen. Um Gerüchten entgegenzuwirken, erklärt Staats- und Parteichef Walter Ulbricht in einer Pressekonferenz am 15. Juni: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Am 25. Juli bestätigt Kennedy die drei „Essentials“ für Berlin, die vom NATO-Rat formuliert wurden. Diese sind: Die Anwesenheit der westlichen Truppen, die Freiheit der Zugangswege von und nach Berlin sowie die Freiheit und Lebensfähigkeit der Stadt müssen sichergestellt sein.
Im Laufe der Jahre haben sich die ökonomischen Lebensbedingungen im Ostsektor und in der DDR immer weiter verschlechtert. Die Anzahl der Flüchtlinge wächst ständig. Seit der Gründung der DDR im Oktober 1949 haben etwa 2,6 Millionen Menschen, rund 15 Prozent der Bevölkerung, von denen die Hälfte jünger als 25 Jahre war, den Arbeiter- und Bauernstaat über West-Berlin verlassen. Das „Ausbluten“ der DDR ist abehbar.
Vom 3. bis 5. August 1961 treffen sich die Parteichefs des Warschauer Pakts in Moskau. Dabei wird der DDR erlaubt, „Kontrollen an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenzen zu den Westsektoren von Groß-Berlin einzuführen, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich sind”. Mit diesem Freibrief kann Ulbricht handeln und weiß sich bei politischen Konfrontationen gedeckt. Der „antifaschistische” und „antiimperialistische Schutzwall” kann nun in die Tat umgesetzt werden. Dieses Vorhaben wird unter strengster Geheimhaltung von Politbüro-Mitglied Erich Honecker vorbereitet. Zustände wie am 17. Juni 1953 sollten vermieden werden.
Der 12./13. August ist ein schönes Sommerwochenende und viele Berliner haben die Stadt verlassen. Sie ahnen nicht, was ihnen bevorsteht. Kurz nach 1 Uhr in der Nacht zum Sonntag rücken Grenzpolizisten und Angehörige von Kampfgruppen bis an die Sektorengrenze vor. Sie errichten Stacheldrahtbarrieren und stellen „Spanische Reiter” auf. Mit Tausenden von Hohlblocksteinen wird eine provisorische Mauer errichtet. Die Länge der Sektorengrenze beträgt etwa 45 Kilometer, zum Umland sind es etwa 160 Kilometer. Am Vormittag des 13. beträgt die Einsatzstärke ca. 5.000 Grenzpolizisten, 5.000 Schutz- und Bereitschaftspolizisten sowie ca. 4.500 Angehörige von Kampfgruppen. In Alarmbereitschaft gehalten werden die 1. und die 8. Motorisierte Schützendivision an ihren Standorten in Potsdam und Schwerin.
Der S- und U-Bahnverkehr zwischen Ost- und West-Berlin wird eingestellt. Den Ostfunktionären ist eine vollkommene Überraschung gelungen. Die Proteste der drei westlichen Stadtkommandanten und die Reaktionen aus deren Hauptstädten dauern bis zu 72 Stunden. Die Verlegung einer amerikanischen Kampfgruppe mit 1.500 Mann auf dem Landweg nach Berlin verstärkt die Garnison. Vizepräsident Lyndon B. Johnson und General Lucius D. Clay, der den Berlinern aus der Zeit der Luftbrücke bekannt ist, reist nach Berlin und bekräftigt symbolisch den Beistand der Alliierten. Doch auch sie können nichts an den Tatsachen ändern. Die DDR-Führung sieht sich durch diese Reaktionen in ihrer Einschätzung bestätigt, dass sie den weiteren Ausbau nicht werde verhindern können. Durch die Einführung der Passierscheinpflicht am 23. August 1961 und die Reduzierung auf sieben Grenzübergänge wird die Abriegelung immer vollständiger. Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte die prekäre Situation nicht weiter anheizen. Erst am 23. August fliegt er nach Berlin. Bei den Berlinern stößt sein zögerliches Verhalten auf kein Verständnis.
Ein Jahr später, am 17. August 1962, wird der 18-jährige Bauarbeiter Peter Fechter bei einem Fluchtversuch in der Nähe des Grenzübergangs Friedrichstraße angeschossen. Er bleibt auf ostdeutschem Gebiet liegen und verblutet an seinen Schussverletzungen. Dies geschieht unter den Augen der Westberliner Polizei und der alliierten Soldaten. Ihnen ist es verboten, einzugreifen. Erst nach Stunden wird die Leiche weggebracht. Mindestens 140 Menschen verloren bei Fluchtversuchen ihr Leben an der Mauer.
Der Tod Peter Fechters war der Auslöser für eine Wende in der Berlin-Politik. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister, kündigt daraufhin an, „wenigstens ein Minimum an Personenverkehr in beide Richtungen zu erreichen“. „Wandel durch Annäherung“ ist dann die Entspannungsformel der nächsten Jahre. Mit dem Abschluss des „Passierscheinabkommens“ können sich zu Weihnachten/Neujahr 1964 erstmals Bewohner beiderseits der Mauer wieder besuchen.
25 Jahre später, am 9. November 1989, geschieht etwas Unvorhergesehenes. Auf einer Pressekonferenz verkündete der Informationssekretär des SED-Zentralkomitees, Günter Schabowski, dass „ab sofort, unverzüglich“ jeder DDR-Bürger über sämtliche Grenzübergänge nach West-Berlin und in die Bundesrepublik reisen könne. Noch in derselben Nacht feiern die Berliner ein rauschendes Wiedersehensfest. Heute finden Berlin-Besucher nur noch Reste der 28 Jahre, zwei Monate und 28 Tage existierenden Mauer.
