Die Jahrestagung wurde von Präses Prof. Dr. Johannes Varwick eröffnet. Dabei betonte er das Anliegen von WIFIS, wissenschaftliche Forschung im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu fördern und den Austausch zwischen Wissenschaft, Streitkräften und sicherheitspolitischer Praxis zu ermöglichen. Ziel der Tagung war es unter anderem, bestehende Bedrohungsnarrative auf ihre Voraussetzungen, Grundlagen und politischen Konsequenzen hin zu analysieren. Was sind begründete Bedrohungen und was ist politischer Alarmismus? Diese Fragen klangen in den verschiedenen Panels immer wieder an. Sicherheitspolitische Bedrohungssituationen entstehen aus politischen Bewertungen möglicher Absichten eines Gegners in Verbindung mit dessen verstärkter Rüstung.
General a. D. Erhard Bühler, Präsident der Clausewitz-Gesellschaft, ging in seiner Begrüßung auf die Gesellschaft ein. Sie ist ein unabhängiger Verein, dessen Ziel in der Förderung strategischen Denkens sowie der sicherheitspolitischen Debatte in den Streitkräften, in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit liegt. Er betonte den grundlegenden Konsens über die Einordnung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine als Bruch des Völkerrechts und die damit einhergehende Bedrohung der europäischen Sicherheit. Aus der Einleitung beider war mit gegensätzlichen Positionen der Referenten zum Thema „Bedrohungsperzeptionen“ zu rechnen, was eine rege Debattenkultur erwarten ließ.
Das gut strukturierte Tagungsprogramm umfasste insgesamt vier Panels und einen Abendvortrag von MdB Dr. Rolf Mützenich zum Thema „Zur Zukunft der europäischen Sicherheitsarchitektur“ mit einem Kommentar von Alisa Grunert M. A., Martin-Luther-Universität Halle, moderiert von MdB a. D. Michael Müller, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin.
Im Panel I mit Prof. Dr. Klaus Schlichte und Erhard Bühler hatte Moderator Johannes Varwick die „Bedrohungsperzeptionen zwischen sicherheitspolitischer Deutung und strategischer Lagebeurteilung“ zur Analyse vorgegeben. Während der Wissenschaftler seinen Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Auswirkungen legte, ging der Soldat es von der militärstrategischen Seite an.
Damit war die Ausgangslage für das Panel II gegeben, bei dem es konkret wurde. Es stand unter dem Thema „Bedrohung aus Russland und Verteidigungsfähigkeit der NATO“. Wie ist die Bedrohung durch Russland und die Verteidigungsfähigkeit der NATO gegenwärtig einzuschätzen? Oberst a. D. Wolfgang Richter und Prof. Dr. Gerlinde Groitl trugen ihre Einschätzungen vor. Brigadegeneral a. D. Reiner Schwalb, Mitglied des Vorstands von WIFIS und Vizepräsident der GSP, moderierte die Diskussion. Richter stellte fest, dass Russland und andere Großmächte Gewalt wieder als Mittel der Politik einsetzen. Daraus ergebe sich, dass Deutschland und Europa ihre Verteidigungsfähigkeit stärken müssten. Eine Absicht Russlands, die NATO anzugreifen, ist für ihn nicht erkennbar. Der Ukrainekrieg bindet die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen Russlands. Europa und die USA zusammen sind Russland in den entscheidenden Kompetenzen überlegen. In der Diskussion kam die veränderte Kriegsführung durch Drohnen zur Sprache.
Das Panel III richtete seinen Blick in die Zukunft. Dafür waren Brigadegeneral a. D. Helmut Ganser und Generalleutnant a. D. Gert Nultsch zuständig. Sie äußerten sich zum Thema „Streitkräfteplanungen zwischen Bedrohungsanalyse und Handlungsfähigkeit“. Dr. Dan Krause, Vorstandsmitglied von WIFIS, moderierte die Diskussion.
Den Schlussakkord im Panel IV setzten Dr. Hans-Peter Bartels, Präsident der GSP, Brigadegeneral a. D. Dr. Klaus Wittmann und Johannes Varwick. Prof. Dr. Michael Staack, jahrelanger Präses von WIFIS, hatte den Taktstock in der Hand. Hier wurden die gegensätzlichen Meinungen der Referenten deutlich. Bartels ging von der Bundeswehrhistorie aus und forderte, dass die Bundeswehr auf ihre Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung vorbereitet wird – und zwar jetzt und nicht später. Varwick warnte vor einer semantischen und strategischen Übermilitarisierung. Verteidigungsfähigkeit sei notwendig, der dafür benutzte Begriff der „Kriegstüchtigkeit” jedoch nicht angebracht, da er das Militär überhöht.
Für Wittmann ist Abschreckung eine gesamtstaatliche Aufgabe, die über das Militär hinausgeht. Sie setzt politische und gesellschaftliche Resilienz voraus. In der Diskussion wurde insbesondere die Aussage thematisiert, dass die Bundeswehr „die stärkste konventionelle Armee Europas“ werden soll. Mehrere Diskussionsbeiträge waren der sicherheitspolitischen Neuorientierung gewidmet. Es bestand Konsens, dass Verteidigungsausgaben nicht gegen Sozialausgaben ausgespielt werden dürfen und auch darin, dass Deutschland militärisch glaubwürdig bleiben und seine Aufgaben im Bündnis weiterhin wahrnehmen muss.
Mit den Schlussbemerkungen von Prof. Dr. Günther Hauser (WIFIS-Vorstandsmitglied) und Erhard Bühler endete die Jahrestagung als Forum eines offenen und zugleich fachlich fundierten sicherheitspolitischen Gedankenaustausches. Die nächste Jahrestagung ist für den 20./21. Mai 2027 in Wien geplant. Thematisch ist vorgesehen, die „EU-Verteidigungspolitik“ in den Blick zu nehmen.
