Verteidigungswille als Fundament einer Armee

Verteidigungswille als Fundament einer Armee

12. Sicherheitspolitische Bodenseekongress 2026
Zwei Männer, einer mit gelber Krawatte, einer in dunkler Jacke, unterhalten sich in einer Konferenzhalle mit Kamerateam im Hintergrund.

GSP-Sektionleiter Karlsruhe-Ortenau Rudolf Horsch im Gespräch mit dem ehem. Inspekteur des Heeres Alfons Mais

Der 12. Bodenseekongress 2026 in Bregenz

Zahlreiche Sicherheitspolitische Organisationen (s. Flyer) aus der „DACH-Region“ – Deutschland, Österreich und Schweiz hatten zum Bodenseekongress eingeladen. In diesem Jahr übernahm Österreich die Organisation und Durchführung. Als das sicherheitspolitische Informationsangebot für die Öffentlichkeit ins Leben gerufen wurde, orientierten sich die Gründerväter der länderübergreifenden Veranstaltung an Europa. Als Motto ist in den Annalen zu finden, sich mit „Zukünftigen Aspekten der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ zu befassen. 

Am Samstag, dem 18. April, werden dem fachkundigen Publikum drei Referate angeboten, die sich an der sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Aktualität orientieren. Den Referenten ist das Thema „Wehrwille/Verteidigungswille als Fundament für eine funktionsfähige Armee – Spannungsfeld zwischen Wunschdenken und Notwendigkeit“ vorgegeben. Um den Themenkomplex zu erschließen, sollen die Vortragenden die Situation in ihren Ländern darstellen und damit die Grundlage für den Meinungsaustausch mit den Zuhörern schaffen. Vorweggesagt, dieser kam jedoch zu kurz. 

Den Einstieg übernimmt Generalleutnant a. D. Alfons Mais. Bis Ende 2025 war er Inspekteur des Heeres, der „stärksten” Teilstreitkraft der Bundeswehr. Über die Landesgrenzen hinaus, vor allem im deutschsprachigen Raum, wurde er durch seine kritische Beurteilung der Einsatzbereitschaft des Heeres bekannt. Am 24. Februar 2022, direkt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, erklärte er, das Heer stehe „mehr oder weniger blank da“. Daher interessiert, wie er die Situation zum Wehr- und Verteidigungswillen der Bundeswehr nun, nach gut vier Monaten Abstand zum aktiven Dienst, beurteilen wird. Seine Aussagen zur geopolitischen Situation in Europa und der Welt sind eine Lagebeschreibung: Er vergleicht die Gesamtsituation mit einem Patienten – in diesem Fall der Gemeinschaft des freien Westens –, der schwer krank ist, wenn nicht sogar schon auf der Palliativstation liegt. 

Er zieht daraus aber auch positive Erkenntnisse für Deutschland. Auf den stärker werdenden Druck von außen und die unsichere Lage hat die Politik mit verschiedenen finanziellen Maßnahmen reagiert. Diese dienen sowohl der Verbesserung der Landes- als auch der Bündnisverteidigung. Um hier besser zu werden, braucht es Innovationen – und zwar jetzt, betont er. Wer technisch mithalten kann, kann auch glaubhaft abschrecken. „Halbvolle Gläser reichen auf dem Gefechtsfeld nicht“, so Mais. 

Dem neuen freiwilligen Wehrdienstmodell steht er kritisch gegenüber. Hatte man 2011 den Wehrdienst ausgesetzt, da sechs Monate Dienstzeit nichts gebracht hätten, sollen jetzt sechs Monate für eine Ausbildung genügen. Um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden, wäre eine einjährige Dienstpflicht sinnvoll.

„Wir als Soldaten können bei der Verteidigung unserer Freiheit nur so gut sein, wie es die Gesellschaft, die uns trägt, zulässt. Wenn sich Gesellschaften dafür entscheiden, ihre Freiheit entschlossen zu verteidigen, dann können sie das auch umsetzen. Die Ukraine macht es gerade vor. Das im Tagungsthema angesprochene Spannungsfeld zwischen Wunsch und Notwendigkeit kam bei seinen Ausführungen jedoch nicht zum Tragen.

Hubert Annen, ein über die Schweizer Grenzen hinaus bekannter Militärpsychologe von der ETH Zürich und Miliz-Oberst der Armee, näherte sich dem Thema aus Sicht des Wissenschaftlers. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist der Wehr- und Verteidigungswillen. Welche Faktoren beeinflussen die Soldaten, im Ernstfall ihren Auftrag zu erfüllen? Anhand der übergeordneten Begriffe Wehr-, Dienst- und Einsatzbereitschaft sowie Kampfmotivation schildert er die Einstellung der Gesellschaft zur militärischen Landesverteidigung. Zeiten, in denen es hieß: „Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine”, können nicht auf heute übertragen werden. Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften zeigen, dass diejenigen, die es betrifft, es etwas anders sehen, wenn es um den eigenen Diensteinsatz geht. Grundsätzlich steht der Schweizer aber zu seiner Armee, der Wehrwille ist vorhanden. Etwa 70 Prozent eines Rekrutenjahrgangs sind tauglich. Ein beträchtlicher Anteil entscheidet sich jedoch bereits vor der Rekrutierung für den Zivildienst. Für den Militärpsychologen stellt sich die Frage, wie sich dieses Potenzial für die Armee gewinnen lässt. Wie kann die Wahrnehmung der Stellungspflichtigen gesteuert werden, um weniger Ausfälle zu haben? Dafür scheint es noch keine Lösung zu geben. „Militärdienst ist halt ein Dienst und nicht immer mit Freuden verbunden“, meint der Redner. Es folgen positive Ausführungen über Dienstmotivation. Eine Organisation funktioniert nur, wenn für sie mehr gemacht wird, als im Pflichtenheft steht. Der Soldat muss spüren, dass er von der Bevölkerung unterstützt wird. Annen berichtet von Verbindungen zu ukrainischen Kollegen und geht dabei auf Kampfmotivation ein. Das 1957 erschienene Buch des Schweizer Militärtheoretikers Major Hans von Dach „Der totale Widerstand“ ist in der Ukraine ein Bestseller. Mit Ausführungen zur Resilienz endet die Sprechzeit des Referenten. Fazit seiner Ausführungen waren eine Annäherung und Inspiration zur Thematik.

Vier Säulen bilden Österreichs umfassende Landesverteidigung: die militärische, die geistige, die zivile und die wirtschaftliche. Brigadier Klaus Klingenschmid, Kommandant der Heeresunteroffiziersakademie, berührt in seinen Ausführungen vor allem die ersten drei. In Österreich gibt es eine sechsmonatige Wehrpflicht, und 37 Prozent der Bevölkerung sind bereit, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Fast 60 Prozent der Diensttauglichen wählen den Wehrdienst. Das Vertrauen in die Ausbilder liegt bei 80 Prozent. Klingenschmid zitiert Peter F. Drucker: „Kultur frisst Strategie zum Frühstück.“ Das bedeutet, dass die beste Strategie scheitert, wenn die Unternehmenskultur nicht stimmt. Auf die Ausbildung des Unteroffizierkorps wird großer Wert gelegt. Für die hybriden Bedrohungen wird die richtige Verteidigung benötigt. Veränderungen sind möglich, sie müssen nur gut erklärt werden. Sein Wunsch ist die Verlängerung des Wehrdienstes, denn er ist überzeugt: „Gemeinsam sind wir stark.“ Die Mittagspause wird intensiv für länderübergreifende Gespräche zwischen zivilen und uniformierten Teilnehmern genutzt. Fazit: Eine gelungene zivil-militärische Veranstaltung, deren Fortsetzung geplant ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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