Nürnberger Sicherheitstagung 2026 - 24./25. April 2026
Wer bei einer sicherheitspolitischen Veranstaltung die Themen „Weltordnung im Stresstest” und „die augenblicklichen Umbrüche in der Geopolitik” behandelt, hat sich als Veranstalter und Organisator einiges vorgenommen. Dass der jungen und älteren Zuhörerschaft dabei einiges zugemutet würde, kündigte Moderator Ulrich Lechte an.
Den Impulsvortrag zur Eröffnung der Abendveranstaltung am 24. April hielten Marie-Agnes Strack-Zimmermann, zugeschaltet aus Brüssel, und General a. D. Eberhard Zorn. Strack-Zimmermann ist Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament und Zorn war Generalinspekteur der Bundeswehr von 2018 bis 2023. Aus Brüsseler Sicht sind die Verteidigungsanstrengungen der Europäischen Union (EU), seit Russlands Krieg gegen die Ukraine, effektiver geworden. Das neu geschaffene Amt des Kommissars für Verteidigung und Raumfahrt weist darauf hin. Mit Andrius Kubilius als Amtsinhaber sollen die Verteidigungsfähigkeit und -union konzentriert vorangetrieben werden. Die Zusammenarbeit mit anderen demokratischen Staaten außerhalb Europas, bis hin zum Indo-Pazifik-Raum, wird intensiviert. Die EU ist keine Konkurrenz zur NATO, aber der europäische Pfeiler ihrer Mitglieder – 29 von 32 Staaten – soll gestärkt werden. Allerdings müssen dafür nationale Egoismen zurückstehen, was allerdings ein Problem darstellt. Die EU hat einige Projekte aufgelegt, deren Finanzierung aus den Nationen kommt, dafür müssen sie allerdings Autarkie abgeben. Dabei arbeitet das Militär bereits eng zusammen.
In Eberhard Zorn Amtszeit führten drei Frauen, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht das Verteidigungsministerium. Im März 2023 trennte sich Boris Pistorius dann von ihm. In seinem Statement geht er auf die militärische Dimension ein, die die Streitkräfte seit der „Zeitenwende-Rede“ von Bundeskanzler Scholz Ende Februar 2022 betrifft. „Wie ist der Stand heute? Ich sage es ganz offen: Wir können es nicht oft genug unterstreichen – wir sind massiv bedroht.“ Wenn von dem Jahr 2029 gesprochen wird, in dem die Russische Föderation angriffsfähig gegenüber der NATO sein soll, dann ist jetzt etwa Halbzeit. Es fallen Stichworte wie die gerade vorgestellte Militärstrategie, Kriegstüchtigkeit, Verteidigungsbereitschaft, Einsatzfähigkeit, Reservestrategie und Fähigkeitsprofil. Am besten waren die Nationale Sicherheitsstrategie und die Rahmenrichtlinie für die Gesamtverteidigung. Die Bedrohungslage wird zwar wahrgenommen, doch die Erfordernisse für die Gesamtverteidigung sind noch nicht überall angekommen. Die Bundeswehr hat ihre Hausaufgaben mit der Umsetzung des Operationsplans Deutschland gemacht. Auf die Zulieferung der Rüstungsgüter wartet die Truppe „händeringend“. Beim Material ist er optimistisch, beim Personal allerdings nicht. Das wird die strategische Herausforderung der Zukunft sein. Im anschließenden Gespräch ergänzt und erläutert der Moderator die Aussagen, sodass anschließend genügend Gesprächsstoff vorhanden ist.
Seit dem Jahr 2000 gibt es die Nürnberger Sicherheitstagung. Am Samstag demonstriert eine überschaubare Gruppe vor dem Tagungsort. Es werden Flyer mit den Aufschriften „Keine Kriegstagung in unserer Stadt“ und „Südstadt gegen Krieg“ verteilt. Nach Eröffnung und Begrüßung durch Thomas Hacker, den Präsidenten der Thomas-Dehler-Stiftung, referiert Matthias Nelles zur Situation in der Ukraine und Laura Tatarelyte zum Baltikum. Im Programm werden diese Regionen als Brennpunkte der Weltpolitik bezeichnet. Nelles stellt seine wichtigste Botschaft an den Anfang: „Die Ukraine hat sich verändert – von einem Bittsteller und Opfer eines offenen Angriffskrieges hin zu einem Asset. Die europäische Sicherheitsordnung ist ohne die Ukraine nicht mehr denkbar.“ In seinen weiteren Ausführungen zeigt er auf, was sich im Krieg verändert hat. Zu Kriegsbeginn ging es ums Überleben, 2023/24 folgte Widerstand und von Ende 2025 bis Anfang 2026 Anpassung. 70 Prozent der benötigten Waffen werden im Land hergestellt. Russland hat mit knapp 700.000 Soldaten in der Ukraine im Jahr 2025 nur ein Prozent ukrainisches Territorium erobert. Der Preis für einen eroberten Quadratkilometer sind 157 gefallene oder verwundete Soldaten. Russland verliert mehr Soldaten, als es rekrutieren kann. Circa 90 Prozent davon durch unbemannte Systeme. Der Krieg hat sich verändert: Weg vom Artillerie- und Stellungskrieg, hin zum Drohnenkrieg. Hier hat die Ukraine die meisten Erfahrungen gesammelt. Es gibt keine klassische Frontlinie mehr; die meisten gefallenen russischen Soldaten haben nie einen ukrainischen Soldaten gesehen. Der Armee gelingt es auch immer häufiger, operative Ziele, z.B. Raffinerien im russischen Hinterland zu treffen. Dies wird in Russland heruntergespielt. Bei allem Optimismus sollte nicht vergessen werden, dass Putins Ziel die Zerschlagung der Ukraine ist.
Als nächste Referentin lenkt die Litauerin Laura Tatarelyte den Blick auf die sicherheitspolitische Lage in den drei baltischen Staaten. Dabei steht Litauen im Mittelpunkt, auch weil Deutschland sich entschieden hat, die Panzerbrigade 45 „Litauen“ dauerhaft im Land zu stationieren. Dadurch ist Litauen in den besonderen Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Diese Entscheidung wird von der Bevölkerung gut aufgenommen. Litauen ist durch russische Desinformationskampagnen, Sabotage- und Spionageaktivitäten besonders betroffen. So wurden beispielsweise Denkmäler litauischer Freiheitskämpfer zerstört oder mit Hakenkreuzen beschmiert. Litauen grenzt an die russische Exklave Kaliningrad. Russland versucht in der Bevölkerung Angst zu schüren und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu zerstören. Das bedeutet, dass in die Aufklärung der Bevölkerung investiert werden muss. Die Gesamtverteidigung Litauens basiert auf drei Säulen. Dies sind die nationalen Streitkräfte, die zivile Verteidigung und die Gesellschaft, also Institutionen, Bürger und Vereine. Ein Soldat benötigt etwa sieben Bürger, die ihn unterstützen. Im folgenden Panelgespräch und der Fragerunde steht die Ukraine im Mittelpunkt. Zusammengefasst: Kampf, Sterben und Zerstörung gehen weiter und in diesem Jahr rechnet niemand mit einem Waffenstillstand.
Christoph von Marschall lenkt die Aufmerksamkeit auf einen ganz anderen Brennpunkt der Weltpolitik: die transatlantischen Beziehungen. Er kennt die USA von innen, daher kann er einen Blick von außen auf das Land werfen. „Die alte Ordnung ist passé, wir müssen uns auf etwas Neues einstellen. Wir sind sehr langsam und auch ein bisschen verwirrt“, meint der Journalist und Historiker. Die Trump-Aktionen: Strafzölle, Venezuela, Grönland, Iran oder der Ukrainekrieg werfen Fragen auf, wie es mit den Beziehungen zu den USA weitergeht – sei es wirtschaftlich oder sicherheitspolitisch. Tatsache ist: Deutschland und Europa sind von den USA abhängig. Der Ausgang des Krieges in der Ukraine ist für Europa eine Schicksalsfrage, nicht Gaza oder die Entwicklung im Nahen Osten. Ein Blick auf die US-Innenpolitik zeigt, dass das demokratische System bedroht ist. Trump setzt sich über gesetzliche Bestimmungen hinweg. Die Demokraten verarbeiten immer noch ihre Wahlniederlage von 2024. Da Trumps Zustimmungswerte sinken, besteht eine kleine Hoffnung, dass sich die Mehrheitsverhältnisse im Kongress bei den Midterms im November ändern könnten. Es ist jedoch nicht so, dass, wenn Trumps Werte sinken, automatisch die der Demokraten steigen. Trump wurde gewählt, weil die Alternative als noch schlechter angesehen wurde. Selbst bei einer demokratischen Mehrheit kann Trump mit Dekreten weiterregieren. Letztlich wird es aber eine Zeit nach Trump geben. Am 4. Juli feiern die USA 250 Jahre ihrer Unabhängigkeit. Dabei hat das Land bereits viele Krisen überstanden. Der Redner macht sich Sorgen über eine mögliche Einigung zwischen Trump und Putin bezüglich der Ukraine. Was passiert nach einem Waffenstillstand? Nach Ausführungen über das Baltikum enden seine nicht gerade optimistischen sicherheitspolitischen Ausführungen.
Mit der Situation im Iran und im Nahen Osten befassen sich S. E. Ahmed Alattar, Shahrzad Eden Osterer und Veronika Grimm. Der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland, die deutsch-iranische Journalistin und die Ökonomin erläutern ihre Sicht auf diesen „Brennpunkt“. Nach den Impulsvorträgen schließt sich ein intensives Panelgespräch an. Dabei bilden die Situation im Iran und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges den Schwerpunkt. Die aktuellen Verhandlungen bringen keine Erleichterung für die Bevölkerung. Die Iranerin, die mit zwanzig ihr Heimatland verlassen hat, meint, die Menschen im Iran hätten mit Europa abgeschlossen. Laut Grimm sind die Langzeitfolgen des Krieges für die deutsche Wirtschaft noch gar nicht abzusehen. Nur durch mehr energiepolitische Forschung und Entwicklung sei eine zukünftige Unabhängigkeit zu erreichen. Das muss das Ziel sein, um nicht immer wieder in Abhängigkeiten zu geraten.
Zum Abschluss der Nürnberger Sicherheitstagung richtet Sarah Kirchberger vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel den Blick auf China. Für das Land sind die USA „der Stachel im Fleisch“: Diese haben Verbündete und Stützpunkte in der 1. Inselkette. China wirkt dem entgegen, indem es seine Marine massiv aufrüstet. Zu deren Aufbau und Modernisierung hat die Ukraine mit Turbinen und Antriebstechnik beigetragen. Mit der Seidenstraße-Initiative versucht China, seinen Einfluss weltweit zu vergrößern. Taiwan ist ein Problem für sich. Cheng Li-wun, die Vorsitzende der Kuomintang, der größten Oppositionspartei Taiwans, war gerade zu Besuch in China und wurde von Staats- und Parteichef Xi Jinping empfangen.
Zusammengefasst: Die Nürnberger Sicherheitstagung stand unter dem Motto „Stresstest”. 2011 wurde es von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt. Als Ergebnis ist festzustellen: Bestanden. Mitgewirkt haben der Deutscher BundeswehrVerband, die Deutsche Atlantische Gesellschaft, die Gesellschaft für Sicherheitspolitik, die Clausewitz-Gesellschaft, der Reservistenverband und der Verlag Nürnberger Presse.
YouTube-Video: Nürnberger Sicherheitskonferenz 2026 - Teil 1
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