Ein Gespräch mit dem Autor Dirk Peddinghaus über sein Buch:
Die HAMAS und die Finanzierung des Terrorismus im Nahen Osten. Eine Analyse anhand offener Quellen.
Am 7. Oktober 2023 griff die Terrororganisation Hamas Israel an. Unmittelbare Folgen des Überfalls waren rund 1.200 Todesopfer und mehr als 240 Geiseln, die in den Gazastreifen verschleppt wurden, die überfallenen Grenzorte zerstört. Der Vorstoß auf israelisches Gebiet gilt als der schwerste Anschlag seit seiner Staatsgründung im Mai 1948. Die sicherheitspolitischen Auswirkungen und Unruhen machten sich überall bemerkbar. Zwei Jahre vor diesem Massaker veröffentliche Dirk Peddinghaus ein Buch, dessen Inhalt sich mit der Finanzierung der Islamistischen Bewegung befasst.
Frage: Herr Peddinghaus, wie kamen Sie dazu sich mit der Terrororganisation HAMAS und deren Finanzierung zu beschäftigen? Das ist doch ein ganz anderes Betätigungsfeld als Ihre technisch/logistische Ausbildung bei der Marine.
Das ist das Gute am Beruf bei der Bundeswehr. Neben meiner technisch/logistischen Verwendung, hatte ich die Gelegenheit im Kompetenzbereich „Sicherheitspolitik“ eingesetzt zu werden. Neben einer Verwendung im Leitungsbereich des Verteidigungsministeriums war ich zuständig für sicherheitspolitische Lehrgänge an der Führungsakademie. Hier konnte ich mich, im Rahmen eines berufsbegleitenden Studiums, ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Durch Feldstudien in der Region vertiefte ich meine Erkenntnisse und fasste alles in dem Buch zusammen.
Der Untertitel des Buches lautet: Eine Analyse offener Quellen. Wie glaubhaft sind solche Quellen?
Offene Quellen gibt es genug, doch deren Wahrheitsgehalt herauszufinden, war die Schwierigkeit. Notwendig war es daher, sich zunächst mit der Quelle zu beschäftigen und deren Hintergründe einzuordnen. Zwingend war, dass ich Informationen anschließend auch bei anderen unabhängigen Quellen gefunden habe. Erst wenn ich diese Informationen so herausgefiltert hatte, wurden Sie Grundlage und letztlich Bestandteil der Analyse. Zahlreiche Gespräche haben dazu beigetragen Informationen im Zusammenhang einordnen und zu bewerten.
Bei Ihnen geht es aber nicht nur um die HAMAS, sondern auch um die Finanzierung des Terrorismus im Nahen Osten. Wie sind da die Zusammenhänge?
Grundsätzlich bedient sich der internationale Terrorismus an den gleichen Geldquellen, wie z.B. auch die Organisierte Kriminalität, nur dass diese eher im Verborgenen arbeitet. Terroristen brauchen die Öffentlichkeit. Terrorismus ist „Big Business“, hier wird viel Geld verdient und die Köpfe der Terrororganisationen leben recht gut von diesem „Geschäft“. Die bittere Erkenntnis in Bezug auf den Nahen Osten ist, dass diese „Herren“ alles tun werden, um ihr Geschäftsmodell am Leben zu erhalten. Frieden zwischen Israel und den Palästinensern würde für Sie eine „Katastrophe“ sein, die sie unbedingt verhindern wollen.
Zurück zur HAMAS, deren politisches Ziel die Vernichtung Israels ist, woher kommt das Geld für dieses Ziel?
Die Finanzierung der HAMAS ist vielschichtig. Zum einen erwirtschaften sie es, durch ihre Machtposition im Gaza-Streifen, mit Steuer- und Abgabeneinnahmen. Zum anderen speisen Sie sich aus Spenden, illegalen Praktiken (Crypto-Währung, Drogen, Wettspiele, Verkäufe gefälschter Sachen, usw.) die in einem weltweiten Netzwerk für Einnahmen sorgen. Die „Bosse des Terrors“ sind keine „dummen Jungs“, sondern knallharte Geschäftsleute, die sowohl auf der Straße, wie auch im Darknet ihr Geld verdienen.
Fließt auch Staatsgeld, z.B. aus dem Iran an die HAMAS?
Ja, durch direkte und indirekte Unterstützung anderer Staaten Geld fließt in die Strukturen. Insbesondere der Iran, dessen Machtanspruch im Nahen Osten deutlich erkennbar ist, unterstützt den Terror der HAMAS, der HUTHI-Rebellen und der HISBOLLHA erheblich. Ich behaupte, dass der HAMAS-Angriff vom 07. Oktober 2023 ohne die massive finanzielle und logistische Unterstützung des Iran nicht hätte stattfinden können.
Angeblich werden auch Gelder der Entwicklungshilfe nicht dafür verwendet, wofür sie eigentlich gedacht sind, nämlich zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen.
Mir ist immer wieder eine „westliche - und damit auch deutsche - Naivität“ aufgefallen, die Gutes im Sinn hat, doch nicht hinschaut, was mit ihrem Geld passiert. Gerade die Organisationen der EU und der Vereinten Nationen haben einen erheblichen Anteil an der indirekten Finanzierung des Terrors im Nahen Osten gehabt, weil sie die Verwendung der Entwicklungsgelder nicht nachhaltig kontrolliert haben. Ein Beispiel ist die unsägliche Rolle des UN-Hilfswerks für Palästina UNRWA. Die Rolle des UNRWA bei der Stärkung der HAMAS wäre ein eigenes Buch wert. Hier hat die Weltgemeinschaft schlichtweg versagt!
Fließen auch Gelder von Anhängern der Terrororganisation aus Deutschland in die Tunnel im Gazastreifen?
Eindeutig JA! Geld wird in allen Ländern gesammelt. Leider haben wir es den Terroristen leicht gemacht. Durch die Verschärfung des Geldwäschegesetzes ist hier eine deutliche Besserung eingetreten, es reicht aber nicht aus. Gleiches gilt für das Vereinsrecht, dass solche Organisationen noch steuerlich begünstigt.
Deutschland, die EU und die VN müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie indirekt den Terror im Nahen Osten finanziert haben. Wenn z.B. „ein paar“ Sack Zement nicht für den Schulbau, sondern für den Tunnelbau verwendet werden! Gleiches gilt für die Finanzierung von Schulbüchern. Wenn ich nicht hinschaue oder hinschauen will, dann kommt es zu einer Erziehung zum Hass, den wir mitfinanzieren. Dabei ist Bildung die einzige „Waffe“ gegen den Terror.
Israel hat mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive versucht die HAMAS zu zerschlagen. High-Tech gegen irreguläre Kämpfer. Das erinnert an Mao Zedong, „Die Guerilla muss in der Bevölkerung schwimmen wie der Fisch im Wasser“.
Im Gaza-Streifen gab es vor dem 07. Oktober 2023 schätzungsweise 2,1 Millionen Menschen. Bei dieser Bevölkerung und der Machtdurchdringung der HAMAS, kommt diesem Ausspruch große Bedeutung zu. Man darf nicht den Fehler machen, die Bewohner mit der HAMAS gleichzusetzen. Sie hat auch „ganz normale“ Verwaltungsaufgaben durchgeführt, ohne die die öffentliche Ordnung kaum aufrechterhalten werden konnte. Gerade die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Ordnung ist mir persönlich nicht genug im Fokus der Diskussion. Die HAMAS besiege ich nur, wenn sie ihrer Strukturen beraubt wird und der Bevölkerung eine Perspektive für ein friedliches Leben geboten wird.
Ende November 2025 kam es zur Waffenruhe. Wie beurteilen Sie den augenblicklichen Zustand der HAMAS? Ist sie nur geschwächt oder gar ausgeschaltet? Der Forderung einer bedingungslosen Entwaffnung hat sie jedenfalls bisher nicht zugestimmt. Für neue Rekrutierung von Nachwuchskämpfern und einen Wiederaufbau ihrer Strukturen würde sie ja gerade Mittel brauchen.
Ich sehe ich die HAMAS erheblich geschwächt, jedoch nicht geschlagen. Das derzeitige Agieren der HAMAS im Gaza-Streifen, bei dem sie massiv ihre Gegner säubert, die Menschen wieder in Kollektivhaft nimmt, zeigt, dass sie noch erheblichen Einfluss auf die Geschehnisse hat. Ob sie wieder zu „alter Stärke“ fähig ist, hat auch maßgeblich damit zu tun, ob der Hauptsponsor – der Iran – in der jetzigen Form überlebt.
Interessant ist es in diesem Zusammenhang zu sehen, wie die „Friedenratsverhandler von 2025“ auf die Weigerung der HAMAS zur Entwaffnung reagieren. Mir scheint, dass insbesondere der amerikanische Präsident sein Interesse verloren hat und nun dem israelischen Premier Netanjahu freie Hand lässt. Eine unsägliche Entwicklung, denn durch die Netanjahu-Koalition mit den radikalen Kräften droht eher eine Eskalation, als eine friedliche Entwicklung.
Der Wiederaufbau im Gaza-Streifen wird Milliarden kosten, woher sollen die kommen?
Im Gaza-Streifen ist die Infrastruktur – und damit die Lebensgrundlage der Menschen – großflächig zerstört. Es wird Jahre dauern, diese wieder herzustellen. Ich sehe eine große Bereitschaft, auch in Deutschland, sich daran zu beteiligen. Nur wenig Begeisterung zeigt sich bei den arabischen Staaten, die ja eigentlich für „ihre Brüder und Schwestern“ großzügig Mittel zur Verfügung stehen könnten. Das tun sie nicht.
Letzte Frage: Sehen Sie in dem „Friedensrat“, der künftigen Verwaltung des Gazastreifens den Ansatz zu einer möglichen friedlichen Lösung im Verhältnis zu Israel.
Grundsätzlich sehe ich jetzt die historische Change für eine tragfähige Lösung. Dies würde aber von folgenden Voraussetzungen abhängen.
Erstens: Die HAMAS muss vollständig entwaffnet und zerschlagen werden. Hierzu ist die Hilfe der arabischen Staaten erforderlich, die massiven Druck auf die Führung der Terrororganisation – die ja in ihren Ländern im Luxus leben – ausüben müssen.
Zweitens: Die Regierung Netanjahu muss durch demokratische Wahlen abgelöst werden. In der jetzigen Regierung, die durch radikale Kräfte getragen und erpresst wird, sehe ich kein Potential für einen Friedensprozess.
Drittens: Geldgeber verhindern durch Kontrollen das „Fehlleiten“ von Mitteln und entziehen durch Maßnahmen Terrororganisationen den finanziellen Boden. Für den Wiederaufbau muss es zudem eine neue Organisation geben, die UNRWA ist aufzulösen.
Der vom US-Präsidenten vorgeschlagene Friedensrat ist – aus meiner Sicht – kein geeignetes Mittel, um die Konflikte dieser Welt zu enden. Die Liste der eingeladenen Länder spricht hier eine klare Sprache – sie ist nicht vereinbar mit der derzeitigen Situation in der Welt. Zudem steht in dem in Davos vorgestellten Konzept kein Wort über Gaza, dies sollte uns schon zu denken geben. Für mich ist es eher der Versuch des US-Präsidenten die Vereinten Nationen zu schwächen und seine eigenen Machtinteresse durchzusetzen.
Letztlich: Frieden im Nahe Osten ist schon immer ein „Ritt auf der Rasierklinge“ gewesen. Ich habe durchaus die Hoffnung, dass es diesmal gelingen könnte, allerdings nicht heute, nicht morgen, sondern vielleicht übermorgen.
Dirk Peddinghaus Titel: Die HAMAS und die Finanzierung des Terrorismus im Nahen Osten. Eine Analyse anhand offener Quellen. Verlag und Druck: tredition, Hamburg, 2021, Euro 14,99, ISBN: 978-3-347-28096-0
Der Autor ist Kapitän z. See a.D., Dipl.-Ing; Dipl.-Wirtsch.- Ing.; MA MFIS. Leiter der GSP-Sektion Flensburg. Zudem Projektleiter der vom BPA initiierten Informations- und Dialogreihe „Gesamtverteidigung“.
