5. Januar 2026: 150. Geburtstag von Konrad Adenauer - Der Kanzler und die Politik der Wiederbewaffnung

5. Januar 2026: 150. Geburtstag von Konrad Adenauer - Der Kanzler und die Politik der Wiederbewaffnung

In den Medien wird in den nächsten Tagen öfter der Begriff „Adenauer-Jahr” verwendet werden. Der Grund dafür ist einfach. Am 5. Januar 2026 jährt sich der 150. Geburtstag von Konrad Adenauer, der 1876 in Köln geboren wurde. Mit Ausstellungen, Führungen, Vorträgen, Diskussionen und Theaterstücken wird an den Kölner Oberbürgermeister (1917–1933), den Präsidenten des Preußischen Staatsrats und den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1949–1963) erinnert. 

Den Auftakt macht die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit einer Kranzniederlegung auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof, anschließend findet eine Feierstunde im World Conference Center Bonn, mitten im ehemaligen Regierungsviertel, statt. Nicht nur die KAS, sondern auch andere Bildungsträger werden das Adenauer-Jahr für politisch-historische Projekte nutzen. Im Folgenden wird Adenauers Wirken in den ersten beiden Legislaturperioden (1949–1957) im Hinblick auf die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik beleuchtet, wobei unter anderem die Wiederbewaffnung thematisiert wird.

Nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 fand am 14. August 1949 die erste Bundestagswahl statt. Die CDU/CSU gewann mit 31 Prozent knapp vor der SPD mit 29,2 Prozent. Bei der Kanzlerwahl am 15. September erhielt der 73-jährige Adenauer 202 von 402 Stimmen. In diesen Legislaturperioden wurden politische Entscheidungen getroffen, die die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich beeinflussten. Einige der Weichenstellungen waren heftig umstritten, beispielsweise die Einbindung der Bundesrepublik in ein westeuropäisch-atlantisches Sicherheitssystem. Dafür musste ein eigener militärischer Beitrag geleistet werden. Dies entsprach den Interessen der westeuropäischen Staaten und der USA. Die militärische Aufrüstung auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs und der Beginn des Koreakriegs am 25. Juni 1950 trugen dazu bei. Es machten sich Befürchtungen breit, dass es in Europa zu einer ähnlichen Situation kommen könne. 

Am 24. Mai 1950 berief Adenauer, dem alles Militärische eigentlich fernlag, Gerhard Graf von Schwerin zu seinem „Sachverständigen Berater in militärischen und Sicherheitsfragen“. Unter dem Dach des Bundeskanzleramtes nahm dieser im Juli mit der Tarnbezeichnung „Zentrale für Heimatdienst“ (ZfH) seine Arbeit auf. Sie kann als die Keimzelle der späteren Streitkräfte, der Bundeswehr, gesehen werden. Auf Anregung des Kanzlers kam es vom 5. bis 9. Oktober im Zisterzienser-Eifelkloster Himmerod zu einer geheimen Klausurtagung einer 15-köpfigen Expertengruppe von Offizieren der ehemaligen Wehrmacht. Sie sollten beraten und prüfen, welchen Beitrag die Bundesrepublik zur Verteidigung Europas bei einem möglichen kommunistischen Angriff leisten könnte. Das Ergebnis war die „Geheime Bundessache“ mit dem Titel „Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer internationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“. Verfasser war der Tagungssekretär Johann Adolf Graf von Kielmansegg. Innenpolitisch folgte Gustav Heinemann dem Kanzler nicht und trat am 11. Oktober zurück. Ende des Monats, am 26. Oktober, wurde Theodor Blank zum „Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen” ernannt und die ZfH aufgelöst. Die Planungen zur Aufstellung von Streitkräften nahmen Formen an. Im Dezember einigten sich die Westmächte auf eine grundsätzliche Zustimmung zum bundesdeutschen Wehrbeitrag – die Wiederbewaffnung war damit beschlossen. Damit setzte der Bundeskanzler auf größere Sicherheitsgarantien der Westalliierten und einen Souveränitätszuwachs für die Bundesrepublik.

Die nächsten fünf Jahre waren innenpolitisch geprägt von den Auseinandersetzungen um Für und Wider einer „neuen Wehrmacht“. Nicht nur Sozialdemokraten, sondern auch bürgerliche Kreise standen einer Wiederbewaffnung ablehnend gegenüber. Darauf einzugehen, würde in diesem Beitrag zu weit führen. Durch die Aufstellung des 10.000 Mann umfassenden Bundesgrenzschutzes am 16. März 1951, dessen Führer- und Unterführerkorps ehemalige Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht bildeten, gelang es, ein Kader für die Streitkräfte zu bilden. In Frankreich wurden die deutschen Wiederbewaffnungsbestrebungen skeptisch beobachtet. Paris favorisierte die Idee einer Europaarmee im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Am 26. Mai 1952 wurde der sogenannte Deutschlandvertrag von den USA, Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik unterzeichnet. Einen Tag später folgte der EVG-Vertrag von Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden und der Bundesrepublik. Im März 1952 bot die Sowjetunion den drei Westmächten Verhandlungen über ein wiedervereinigtes, souveränes und neutralisiertes Deutschland an. Es war der Versuch Stalins, der ein Jahr später am 5. März 1953 starb, die Westintegration und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zu verhindern. Adenauer und die Westmächte lehnten das ab. Bis heute wird in einigen Kreisen darüber diskutiert, ob das eine verpasste Chance für die Wiedervereinigung war. 

Durch den überzeugenden Sieg bei der zweiten Wahl zum Bundestag am 6. September 1953 mit 45,2 Prozent konnte Adenauer erneut eine bürgerliche Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP bilden. Sicherheitspolitik und EVG hatten im Wahlkampf eine Rolle gespielt. Im Februar 1954 wurde Art. 87 des Grundgesetzes geändert, sodass der Bund Streitkräfte zur Verteidigung aufstellen konnte; die Wehrhoheit war damit geklärt. 

Einen herben Rückschlag erlitten Adenauers Bestrebungen zur EVG, als diese am 30. August 1954 von der Tagesordnung der französischen Nationalversammlung abgesetzt wurde – das hoffnungsvolle europäische Projekt war gescheitert. Nun wurde ein anderer Integrationsweg beschritten. Bereits am 25. Oktober 1954 wurden die Pariser Verträge unterzeichnet. Sie beendeten das Besatzungsstatut, eröffneten den Weg zum NATO-Beitritt, erlaubten die Aufstellung eigener Streitkräfte und regelten die Stationierung ausländischer Truppen. 

Am 7. Juni 1955 wurde Theodor Blank zum Bundesminister ernannt. Seine bisherige Dienststelle wurde zum Bundesministerium für Verteidigung. Heinrich von Brentano wurde Bundesminister des Auswärtigen. Dieses Amt hatte Adenauer zuvor selbst geführt. Hans-Joachim von Merkatz wurde Bundesminister für Bundesratsangelegenheiten.

Im Juni 1955 gab das Verteidigungsministerium erstmals eine Informationsschrift heraus. Diese wird von Bundeskanzler Konrad Adenauer eingeleitet.  `Ich begrüße das Erscheinen der Schrift „Vom zukünftigen deutschen Soldaten“, in der die grundsätzlichen Planungen für den deutschen Verteidigungsbeitrag zusammengefasst werden. Die Schrift soll die verantwortungsvollen Vorarbeiten der Allgemeinheit unterbreiten, bevor die zuständigen verfassungsmäßigen Organe endgültige Entscheidungen treffen.Die Veröffentlichung soll dazu beitragen, Zweifel zu beseitigen, Klarheit zu schaffen und die Überzeugung von den Werten eines Soldatentums zu festigen, das seine Aufgabe in der Bewahrung der freiheitlichen Lebensordnung und des Friedens sieht. Diese Aufgabe wird dem Soldaten vom Volke gestellt. Um sie wirksam erfüllen zu können, muss er vom Vertrauen des Volkes getragen sein.[Bonn, Juni 1955 Handunterschrift Adenauer, Bundeskanzler]

Das „Gesetz über die vorläufige Rechtsstellung der Freiwilligen in den Streitkräften“ vom 23. Juli 1955 ermöglichet die Einstellung von 6.000 Freiwilligen als künftiges Ausbildungs- und Führungspersonal. Der 200. Geburtstag von Gerhard von Scharnhorst am 12. November 1955 wird dann zur Geburtsstunde der Streitkräfte. Theodor Blank überreicht an seinem Dienstsitz in der Bonner Ermekeilkaserne hundert Freiwilligen ihre Ernennungsurkunde. Der Bundeskanzler nimmt an dieser „Presseshow” nicht teil. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn der Kanzler bei seiner Reise im September nach Moskau nicht die Freilassung der letzten rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen und etwa 20.000 politisch inhaftierten Zivilisten erreicht hätte. 

Die erste Begegnung des 80-Jährigen Bundeskanzlers mit der Truppe erfolgte am 20. Januar 1956 im kleinen Garnisonsstädtchen Andernach. Im Barackenlager, das heute Krahnenberg-Kaserne heißt und als Wiege der Bundeswehr bezeichnet wird, sind rund 1500 Heeres-, Luftwaffen- und Marinesoldaten im offenen Karree angetreten. Der Januar ist extrem kalt, die Temperatur liegt bei minus zwei bis minus vier Grad. Der Kanzler ist erkältet; verdeckte Heizstrahler sollen die Umgebung des Rednerpodium wärmen. Adenauer ging in seiner Rede auf den historischen Neubeginn ein, der mit dem Aufbau der Streitkräfte beginnt. Er begründet die Verteidigungspolitik mit der sicherheitspolitischen Lage und der Einbindung in ein kollektives Verteidigungssystem. Die Streitkräfte bezeichnet er als ein Instrument der Friedensicherung. 

„Die wachsame Bewahrung der Freiheit ist eine gemeinsame Aufgabe aller Staatsbürger. Sie beginnt bereits im persönlichen Bereich und muss unser gesamtes staatliches Leben durchziehen. Denn auch von innen heraus ist die Freiheit stets durch Gegenkräfte bedroht. Moralische und soziale Bemühungen müssen mit dem militärischen Verteidigungsbeitrag Hand in Hand gehen.“

Der erste Truppenbesuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde von der internationalen Presse weltweit kommuniziert. Mit seiner konsequenten Politik hatte der „Alte Herr“ die Westbindung umgesetzt.

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Bundeskanzler Adenauer besucht die Soldaten der neu aufgestellten Bundeswehr in Andernach 1956. 
V.l.n.r. Verteidigungsminister Theodor Blank, Generalleutnant Adolf Heusinger, Adenauer, Generalmajor Hellmuth Laegeler. (Foto: Bundeswehr / Munker)

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