Gedenken an die Opfer von Srebrenica - Massaker in einer UN-Schutzzone

Gedenken an die Opfer von Srebrenica - Massaker in einer UN-Schutzzone

Die Vereinten Nationen haben den 11. Juli zum Internationalen Tag des Gedenkens für die Opfer des Massakers von Srebrenica erklärt. Der Name des Ortes, der circa 80 Kilometer nordöstlich von Sarajevo in Bosnien und Herzegowina nahe der Grenze zu Serbien liegt, steht für das größte Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. An diesem und den folgenden Tagen wurden mehr als 8.000 bosnische Muslime – in der Mehrzahl Männer und männliche Jugendliche – von bosnisch-serbischen Soldaten ermordet.

Einige Erklärungen für die Zusammenhänge des Geschehens auf dem Balkan vor 30 Jahren. Die Föderative Volksrepublik Jugoslawien bestand aus sechs Teilrepubliken: Serbien mit den Provinzen Vojvodina und Kosovo, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien. 

Der einstige Partisanengeneral Josip Broz, genannt Tito, stand von der Gründung Ende 1945 bis zu seinem Tod am 4. Mai 1980 an der Spitze dieses ethnisch, religiös und wirtschaftlich unterschiedlichen Staatsgebildes. Mit seinem Mythos und diktatorischer Gewalt hielt er das Land zusammen. „Wenn ich euch Demokratie gebe, werdet ihr euch die Köpfe einschlagen”, erklärte er Ende der 1970er Jahre dem jugoslawischen Volk. So sollte es kommen. Nach seinem Tod kristallisierten sich die latent existierenden Gegensätze der unterschiedlichen Ethnien und Religionen immer stärker heraus. In Serbien gelangte Slobodan Milošević 1986 an die Spitze des Bundes der Kommunisten und spielte im Bosnienkrieg eine führende Rolle. 1990 fanden in Bosnien-Herzegowina (BOH) freie Wahlen statt. Alija Izetbegović von der Stranka demokratske akcije (SDA), was so viel wie „Partei der Demokratischen Aktion” bedeutet, wurde Präsident. Bei der Volkszählung von 1991 bezeichneten sich 73 Prozent der Bewohner von Srebrenica als Muslime, 25 Prozent als Serben und ein Prozent als Jugoslawen.

Am 25. und 26. Juni 1991 riefen Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit aus.  Die Jugoslawische Volksarmee (JNA) führt vom 26. Juni bis zum 7. Juli einen zehntägigen Krieg in Slowenien und greift im Juli Kroatien an. Die Europäische Gemeinschaft reagiert schnell und erkennt beide Staaten am 15. Januar 1992 an. Ende Februar findet in Bosnien und Herzegowina (BiH) ein Referendum über die Unabhängigkeit statt. Mit 99,4 Prozent Ja-Stimmen fällt das Ergebnis eindeutig aus. Allerdings boykottierten viele Serben die Wahl, sodass die Beteiligung nur bei 63 Prozent lag. Am 6. April 1992 ruft die Regierung Bosnien-Herzegowinas (BiH) die Unabhängigkeit aus, die von der internationalen Staatengemeinschaft sofort anerkannt wird. Daraufhin bricht der Jugoslawien-Krieg aus. Jugoslawien unterstützt die Bestrebungen der bosnischen Serben, die unter der Führung von Radovan Karadžić eine selbsternannte „Serbische Republik“ gegründet haben, sich Jugoslawien anzuschließen. Die Belagerung von Sarajevo beginnt. Mitte April wird Srebrenica erstmals von serbischen Truppen besetzt. Die Bosniaken (bosnische Muslime) ziehen sich in die umliegenden Wälder zurück.

Wie kam es Mitte Juli 1995 zu Massakern und zur Deportation Zehntausender Frauen, Kinder und alter Menschen? Srebrenica war eine von sechs Schutzzonen für Muslime, die durch die Resolution 824 der Vereinten Nationen (UN) am 6. Mai 1993 eingerichtet worden war. In der muslimischen Enklave lebten etwa 40.000 Menschen, davon waren fast die Hälfte Flüchtlinge, muslimische Bosniaken. Die anderen UN-Schutzzonen waren Sarajevo, Tuzla, Zepa, Gorazde und Bihac.

Für die Schutzzone Srebrenica war ein niederländisches Bataillon unter der Führung von Oberstleutnant Thomas Karremans zuständig. Befehlshaber der UN-Friedenstruppe war der französische General Bernard Janvier. Ab dem 6. Juli wurde die Schutzzone durch Artillerie beschossen und von Truppen der bosnisch-serbischen Armee sowie Paramilitärs angegriffen. Die Niederländer leisteten keinen Widerstand, sie taten nichts. Nach der Einnahme der Stadt in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli wurden Männer und Jugendliche im Alter zwischen 16 und 60 Jahren durch Truppen des Drina-Korps von den übrigen Bewohnern getrennt und in Bussen und Lastwagen abtransportiert. Die Niederländer, deren Lager sich nördlich von Srebrenica in Potocari befand, versuchten nicht den Abtransport zu verhindern. Sie übergaben sogar Flüchtlinge, die sich in ihr Lager gerettet hatten, den Eroberern. Nächtliche Fluchtversuche von Männern durch das verminte Gebiet schlugen fehl. Viele wurden gefangengenommen und sofort von bosnisch-serbischen Militärs erschossen. Die abtransportierten Gefangenen wurden an unterschiedlichen Stellen hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Nach Bekanntwerden der Hinrichtungen wurden die Gräber zur Verschleierung teilweise wieder ausgehoben und die Leichen an andere Stellen verbracht.

Mit der Resolution 827 vom Mai 1993 hatten die Vereinten Nationen das „Internationale Kriegsverbrecher Tribunal für das frühere Jugoslawien“ in Den Haag eingerichtet. Dieses Gericht verurteilte am 2. August 2001 General Radislav Krstić, den Kommandeur des Drina-Korps, zu 46 Jahren Freiheitsstrafe, die später auf 35 Jahre reduziert wurde. In der Urteilsbegründung wurde erstmals der Begriff „Völkermord” für die Verbrechen verwendet, für die er als schuldig befunden wurde.

Im März 2019 wurde der Serbenführer Radovan Karadžić im Berufungsverfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. Er war seit 1996 gesucht worden und wurde erst 2008 festgenommen. Im Mai 2021, also nach fast 26 Jahren, wurde Ratko Mladic, der sogenannte „Schlächter vom Balkan“, wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der serbische Staatspräsident Slobodan Milošević wurde im Juni 2001 in Untersuchungshaft genommen. Ihm wurde vorgeworfen, in Kroatien, Bosnien und im Kosovo Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord begangen zu haben. Der Prozess in Den Haag begann am 12. Februar 2002, wurde aber immer wieder durch seine Krankheit oder den Wechsel des Vorsitzenden Richters unterbrochen. Am 11. März 2006 wurde er in seiner Gefängniszelle im Haftzentrum des UN-Kriegsverbrechertribunals in Scheveningen tot aufgefunden. Autopsien ergaben, dass er an einem Herzinfarkt gestorben war. Bisher wurden von verschiedenen Gerichten etwa 50 Personen wegen ihrer Teilnahme am Massaker zu rund 700 Jahren Haft verurteilt.

Am 20. September 2003 wurde in Potocari eine Gedenkstätte eingeweiht. Sie besteht aus einer Opfergedenkstätte und einem Friedhof. An der Gedenkveranstaltung nahm auch der ehemalige US-Präsident Bill Clinton (1993–2001) teil. Unter Vermittlung der USA und mit Beteiligung der Europäischen Union wurde am 14. Dezember 1995 in Paris das zuvor in Dayton ausgehandelte Abkommen zur friedlichen Beilegung des Konflikts zwischen Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien unterzeichnet. Seit 2003 wurden 6.751 Opfer beerdigt. Ihre Gräber sind mit weißen Marmorstelen markiert. Weitere 250 auf Wunsch ihrer Angehörigen anderswo beigesetzt. Die Leichen wurden an mehr als 500 Stellen entdeckt. Noch beträgt die Anzahl der Vermissten beträgt über 7.000 Personen. Auch am 11. Juli, dem 30. Gedenktag des Massakers, wird es wieder Beisetzungen geben.

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