Vortrag General a.D. Klaus Naumann in Ellwangen

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General a.D. Dr. h.c. Klaus Naumann:                                                 Vortrag als pdf zum download

70 Jahre Bundeswehr, eine Erfolgsgeschichte der deutschen Demokratie

 Vortrag vor der Gesellschaft für Sicherheitspolitik am 19.11.2025 in Ellwangen

 Einleitung

Ich danke für die Einladung und freue mich anlässlich eines besonderen Jubiläums, nämlich 70 Jahre Bundeswehr, erneut in Ellwangen sprechen zu können, der ältesten Garnison der Bundeswehr in Baden-Württemberg. 

Am 23. Juli 1956 übergab die US- Armee die Ellwanger Kaserne an die Bundesvermögensstelle und am 12. Mai 1958 wurde die Kampfgruppe C4, die spätere Panzergrenadierbrigade 30, aufgestellt. Die Bundeswehr selbst tat ihren ersten Schritt am 12. November 1955 in der Ermekeil-Kaserne in Bonn, sehr bewusst am 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Gerhard von Scharnhorst, stammt doch von ihm der Satz: „Alle Bewohner des Staates sind die geborenen Verteidiger desselben“. So entstand das Markenzeichen der Bundeswehr, der Staatsbürger in Uniform. Das war niemals eine Absage an Disziplin, Befehl und Gehorsam, sie sind und bleiben das Funktionsprinzip jeder Armee. Allerdings ist mit dem Staatsbürger in Uniform etwas Einzigartiges verbunden: Zum ersten Mal in der Militärgeschichte wurde ein Konzept geschaffen, in dem die Rechte des einzelnen Soldaten durch die Macht des Rechts sogar vor der Macht seiner eigenen Vorgesetzten geschützt wurde. Das ist der Kern unserer Demokratie, auch der Inneren Führung und einer Wehrgesetzgebung, die politische Kontrolle der Armee ebenso sicherstellt wie sie die Pflichten und Rechte des Soldaten festlegt. Darunter fällt auch die in der deutschen Militärgeschichte keineswegs neue Regelung, dass ein Befehl nicht zu befolgen ist, wenn er erkennbar gegen Recht und Gesetz verstößt und sein Befolgen ein Vergehen oder Verbrechen zufolge hätte.

Wenn wir heute über die Bundeswehr sprechen, dann sprechen wir nicht einfach nur über eine Armee. Wir sprechen über eine Institution, die in besonderer Weise mit der Geschichte, der Politik und der Gesellschaft unseres Landes verbunden ist. Die Bundeswehr war Kind der alten Bundesrepublik und sie wurde als Armee der Einheit zu einer der Säulen des neuen, des vereinten Deutschlands ab 1990. Sie steht für den Schutz unseres demokratischen Staates und sie steht für die zu allen Zeiten schwierige, aber unverzichtbare Aufgabe, Sicherheit vor äußeren Gefahren zu bieten.

Die Bundeswehr ist nicht nur die am längsten bestehende Armee Deutschlands, sie steht auch für drei einzigartige Erfolge der deutschen Militärgeschichte: Erstens, sie war die erste Wehrpflichtarmee in einer deutschen Demokratie, sie ist, zweitens, die erste Armee, in der Befehl und Gehorsam gelten, in der aber zugleich die Macht der Vorgesetzten durch die Macht des Rechts begrenzt ist und sie ist drittens, die Armee, die eine zum Hass auf das freie Deutschland erzogene Armee der letzten deutschen Diktatur, die NVA der DDR, auflösen und in Teilen integrieren musste. Die Bundeswehr ist eine der großen Erfolgsgeschichten der alten Bundesrepublik Deutschland und sie wurde in der Gestaltung der Deutschen Einheit zur vielleicht einzigen Institution unseres Staates, die Vereinigung gelebt und gestaltet hat.

Ich bin dankbar und auch ein wenig stolz, dass ich in dieser zuletzt genannten Phase der Geschichte der Bundeswehr als Generalinspekteur helfen konnte, die Einheit zu gestalten, zugleich die Bundeswehr aus ihrer Fixierung auf Landesverteidigung lösen und auf Einsatz, auch außerhalb Deutschlands, umstellen durfte.

In den kommenden Minuten möchte ich zuerst zurückblicken und aber zum Schluss auch nach vorne schauen. Ich beginne mit der Bundeswehr des Kalten Krieges und des geteilten Deutschlands, am heutigen Tag immer noch die längste Phase in der Geschichte der 70 Jahre Bundeswehr. Nur angemerkt sei, dass auch die Truppenfahnen der Bundeswehr in diesem Jahr Geburtstag haben, sie werden 60 Jahre alt. 

Ich werde dann kurz auf die Jahre der Auslandseinsätze blicken und mit der nun eingeleiteten Umstellung auf den neuen, alten Schwerpunkt Landes- und Bündnisverteidigung und den daraus sich ergebenden Folgerungen schließen.

1. Die Anfänge und der Kalte Krieg

Nach 1945 war Deutschland vollständig entmilitarisiert. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die Verantwortung für Krieg und Verbrechen der Wehrmacht – all das führte dazu, dass in den ersten Jahren öffentlich niemand in der jungen Bundesrepublik ernsthaft an eine neue Armee dachte, Adenauers drastische Aussagen dazu von der verdorrten Hand sind bekannt. Doch der gleiche Bundeskanzler Adenauer hatte bereits 1950 eine kleine Zelle mit Überlegungen zum Aufbau deutscher Streitkräfte eingerichtet. Das wesentliche Ergebnis der Gruppe um den späteren Verteidigungsminister Blank ist die Himmeroder Denkschrift, ein Gründungsdokument der Bundeswehr Doch dann kam der Kalte Krieg. Die Bundesrepublik befand sich mitten in Europa, an der Frontlinie zwischen Ost und West. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt bauten ihre Streitkräfte massiv aus. Für die westlichen Demokratien wurde zunehmend klar: Wenn man die Freiheit in Europa verteidigen wollte, brauchte man auch Deutschlands Beitrag. Zudem erkannte Bundeskanzler Adenauer schnell, dass die zumindest fast völlige Souveränität West-Deutschlands nur zu erreichen sei, wenn das Land durch deutsche Streitkräfte einen Beitrag zur Verteidigung Europas stellen würde. So entstand 1955 die Bundeswehr – eingebettet in die NATO. Sie wurde damit zur ersten deutschen Armee, die von Anfang an in internationale Kommandobehörden eingebunden war, dem Potsdamer Abkommen entsprechend keinen Generalstab haben durfte und deshalb auch „nur“ einen Generalinspekteur, der allerdings zunehmend die Aufgaben eines Generalstabschefs wahrzunehmen hatte. Der Aufbau der Bundeswehr aus dem Nichts, die Aufstellung von zwölf Heeresdivisionen, der Luftwaffe und der Marine innerhalb weniger Jahre war eine Meisterleistung, vollbracht im Wesentlichen von ehemaligen Offizieren der Wehrmacht, von jungen, aus dem Bundesgrenzschutz übernommenen Soldaten und den ersten ungedienten Freiwilligen. Ich wurde 1958 Soldat und erinnere mich sehr gut an die vielen Improvisation mit denen wir fertig werden mussten. Wir bekamen amerikanische, zum Teil auch britische Waffen, aber die Dienstvorschriften dafür waren in Englisch, das die meisten unserer älteren Offiziere kaum sprachen. Wir hatten, zumindest im Heer, anfangs Uniformen, die bestimmt keine Werbung darstellten und Kampfanzüge, die einen Winter, wie ich ihn bei einem der ersten Einsätze der Bundeswehr als Reaktion auf eine Berlin-Krise Anfang 1959 fast vier Wochen lang im eiskalten Bayerischen Wald erleben musste, nicht gewachsen waren. Ähnliche Einsätze gab es während der Kubakrise, als die Welt nur Stunden von der Katastrophe entfernt war, und das letzte Mal während des sowjetischen Einmarschs in der Tschechoslowakei. Doch wir, die Aufbaugeneration, wollten den Aufbau schaffen und so gelang er. Die Bundeswehr des Kalten Krieges wurde zu einer der besten Streitkräfte der NATO, zu einer Bundeswehr, die lernte zu kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen, die aber gekämpft hätte, wenn es um die Verteidigung Deutschlands gegangen wäre. Ich erinnere eine Aussage des sowjetischen Generalstabschefs Andromejew, dass die Sowjetunion nur die Amerikaner, die Briten und die Bundeswehr fürchtete.

Erinnern wir noch einmal die Situation des Kalten Krieges. Heute, sechsunddreißig Jahre später, erinnert man sich allenfalls noch an die Berliner Mauer, doch nur noch Wenige an die Wirklichkeit des Jahres 1989 in Deutschland: Durch unser Land lief ein mehr als 1.200 Kilometer langer Zaun bestückt mit Sprengfallen und Tag und Nacht von den Grenztruppen der DDR überwacht. Dahinter lagen fünf Kilometer tiefe Sperranlagen. Auf westlicher Seite fuhren alliierte Truppen Tag für Tag Patrouillen, der Bundesgrenzschutz lief Streife an der innerdeutschen und tschechoslowakischen Grenze, uniformierte Soldaten der Bundeswehr durften nicht näher als einen Kilometer an die Grenze heran und der Luftraum wurde lückenlos durch die NATO überwacht, dabei auch unsere Luftwaffe.

Im Westen standen neun Armeekorps aus sieben NATO-Staaten, darunter das I., II., dazu gehörte die Ellwanger Brigade unter dem Kommando der 10. Panzerdivision in Sigmaringen, und III. Korps der Bundeswehr, zur grenznahen Vorneverteidigung bereit, eine zum Teil in Deutschland stationierte französische Armee war Heeresgruppenreserve, zwei alliierte Luftflotten waren zur Unterstützung der Abwehr bereit und die geballte Seemacht der NATO sollte im Nordatlantik die Seeverbindungen nach Nordamerika offen halten, über die im Kriegsfall hunderttausende nordamerikanischer Truppen nach Europa gebracht werden sollten. Mehr als 10.000 Atomwaffen waren in der alten Bundesrepublik Deutschland gelagert dazu in einem weniger als ein Dutzend deutschen bekannten Lager in der Pfalz tausende Tonnen chemischer Munition der USA. In der DDR gab es ähnliche Lager, die gelagerten Mengen waren vermutlich ähnlich oder größer. Dort standen fast 500.000 Mann sowjetische Streitkräfte, die so genannte Westgruppe der Truppen (WGT) und etwa 160.000 Mann Nationale Volksarmee (NVA) mit ihren sechs aktiven und fünf binnen 48 Stunden einsatzbereiten, aber mobil zu machenden Divisionen. In der CSSR waren zwei Armeen der CSSR zum Angriff bereit, dahinter standen sowjetische Truppen. In Polen hatten polnische Truppen den Auftrag in einer Seelandung Schleswig-Holstein zu nehmen und an die Beachtung der Neutralität Österreichs durch den Warschauer Pakt glaubten nur die notorischen Gutmenschen, die auch nach 1991, nach Bekanntwerden der bis mindestens 1986 bestehenden, umfangreichen atomaren Ersteinsatz vorsehenden sowjetischen Angriffspläne, alle Angriffsabsichten des Warschauer Paktes noch immer in Abrede stellten.

 

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