Die Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen
In Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Probleme, Krisen, Konflikte und Kriege geraten historische Ereignisse schnell in Vergessenheit. In diesen Tagen gibt es jedoch einen wichtigen Grund, ein Ereignis aus dem September 1955 ins Gedächtnis zu rufen. Es ist die erste Reise von Bundeskanzler Konrad Adenauer in die Sowjetunion. Vom 8. bis zum 14. September ist er mit einer großen Delegation in Moskau.
Am 7. Juni 1955 übergibt Adenauer das Amt des Außenministers, das er bisher selbst wahrgenommen hat, an den bisherigen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich von Brentano. Auch Theodor Blank wird vom „Beauftragten des Bundeskanzlers …“ zum Bundesminister für Verteidigung ernannt. Der Dritte in dieser Runde ist Hans-Joachim von Merkatz als Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates.
Während diese Ereignisse in Bonn gefeiert werden, erscheint am späten Nachmittag ein Sowjetdiplomat in der deutschen Botschaft in Paris. Er überbringt eine Note, die eine Einladung der Sowjetregierung an den Bundeskanzler enthält. Dieser solle „in Kürze“ nach Moskau kommen, um über die „Herstellung der diplomatischen und Handelsbeziehungen“ zu sprechen. Bonn wird sofort telefonisch und per Fernschreiber informiert. Ein Kurier macht sich mit dem Originalschriftstück auf den Weg nach Bonn. Während Adenauer um 19:15 Uhr im Casino des Auswärtigen Amtes (AA) die Amtsgeschäfte an Brentano übergibt, läuft eine Blitzmeldung über die Ticker der Nachrichtenagenturen welche die Einladung bekannt macht.
Nach eingehender Auswertung des Inhalts, Gesprächen und der Rückversicherung bei den Alliierten fällt im Juli die Entscheidung, die Einladung nach Moskau anzunehmen. Adenauer bleibt jedoch von Anfang an skeptisch und erwartet kein herausragendes Ergebnis der Gespräche. Eine Absage hätte die Sowjets jedoch brüskiert, und das will er vermeiden.
Während der Vorbereitungen und Verhandlungen stehen für Adenauer drei Prämissen fest: Erstens wird er sich „kein Jota“ von den Westverträgen abhandeln lassen. Zweitens soll die deutsche Wiedervereinigungsfrage „erörtert“ werden, aber kein Verhandlungsgegenstand sein. Drittens, dass er ohne Einigung über die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus der Sowjetunion keine diplomatischen Beziehungen vereinbaren wird. Die Heimkehr der noch in sowjetischen Lagern befindlichen Kriegsgefangenen ist von immenser Bedeutung. Die Zusage an die Alliierten, westdeutsche Streitkräfte aufzustellen und sie in die Atlantische Allianz zu integrieren, ist bereits beschlossen Sache. Dies wäre jedoch innenpolitisch nicht durchzusetzen, solange noch deutsche Kriegsgefangene und Zivilinternierte, zehn Jahre nach Kriegsende, in sowjetischen Lagern inhaftiert sind.
Für die intensiven Besuchsvorbereitungen wird ein Arbeitsstab „M“ gebildet. Er besteht aus Diplomaten, Wissenschaftlern und Osteuropaexperten. Zunächst geht man davon aus, dass für die Delegation eine Lockheed Super Constellation der Lufthansa ausreichen wird, letztlich werden jedoch zwei benötigt. Hinzu kommt ein Sonderzug mit einem abhörsicheren Besprechungsraum. Der Zug ist mit Funktechnik ausgestattet und genießt einen exterritorialen Status. Der Kanzlerwaggon ist heute ein Ausstellungsstück im Haus der Geschichte in Bonn. Die Delegation besteht am Ende aus 142 Personen. Mit der Maschine des Bundeskanzlers fliegen 25, mit der Maschine des Außenministers 27 Personen.
Im Sonderzug reisen 66 und mit Linienmaschinen fliegen 24 Personen nach Moskau. Das Bundespresseamt ist mit 13 Mitarbeitern vor Ort, um die 82 deutschen Journalisten zu betreuen, die am 6. und 7. mit zwei Chartermaschinen der Aeroflot vom Flughafen Berlin-Schönefeld aus starten. Das Delegationshotel ist das Hotel Sowjetskaja, das jedoch für Journalisten gesperrt ist. Die Delegation besteht aus Mitgliedern der Regierung, des Bundestages und des Bundesrates. Bei den Verhandlungen spielen Walter Hallstein, später erster EU-Präsident, Kurt-Georg Kiesinger, später Bundeskanzler, und Carlo Schmid (SPD) eine führende Rolle.
Im Vorfeld des Besuchs haben die Sowjets die westdeutsche Fußballnationalmannschaft, den Weltmeister von Bern 1954, zu einem Freundschaftsspiel am 21. August eingeladen. Das Dynamo-Stadion ist ausverkauft. Die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes hat ernste Bedenken, Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern und dann ein Fußballspektakel, das gehe nicht. Letztlich werden die Bedenken jedoch fallengelassen und die Einladung wird vom Deutschen Fußballbund angenommen. Die Sowjets haben vier Sonderzüge organisiert, um die rund 1 500 Schlachtenbummler – heute würde man Fans sagen – aus West und Ost, die meisten aus der DDR, nach Moskau zu transportieren. Bei diesem „gesamtdeutschen Ereignis“ soll es nur einen Sieger geben: den Frieden. Vor 80.000 Zuschauern gewinnt die sowjetische Mannschaft mit 3:2 Toren.
Die Verhandlungen ziehen sich hin und stocken immer wieder. Die entscheidenden Gesprächspartner der Sowjetregierung sind Ministerpräsident Nikolai Bulganin, Parteichef Nikita Chruschtschow und Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Am dritten Tag sieht es schon nach einem Scheitern aus. Während der internen Mittagsrunde der deutschen Gesprächsteilnehmer kommt die Idee auf, die Lufthansa-Flugzeuge über eine offene Telefonleitung vorzeitig nach Moskau zu bestellen. Man weiß, dass der Geheimdienst mithört und erhofft sich dadurch ein Einlenken der Sowjets bei der Freilassung der Kriegsgefangenen. Ein Scheitern der Verhandlungen können sich auch die Sowjets nicht leisten. Als Väter dieser Idee bezeichnen sich später Felix von Eckardt, des Kanzlers Pressechef, Adenauer, Brentano und Hallstein. Nach dem Prinzip: Der Erfolg hat viele Väter, die Niederlage einen.
Schließlich kommt der Durchbruch bei einem Staatsempfang im Kreml. Adenauer schreibt in seinen Erinnerungen: „Bulganin schien intensiv nachzudenken. Nach einer kleinen Pause erklärt er dann unvermittelt und sehr impulsiv „Lassen Sie uns zu einer Einigung kommen: Schreiben Sie mir einen Brief“, gemeint ist eine Note, in der die Zustimmung zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen ausgesprochen wird. „Und wir geben Ihnen alle – alle! Eine Woche später! Wir geben Ihnen unser Ehrenwort!“ Mit „wir“ meinte er Parteichef Nikita Chruschtschow und sich selbst. Mit einem Handschlag zwischen Bulganin und Adenauer wird dies besiegelt.
Adenauer und die Delegation kehren am 14. September nach Bonn zurück und werden auf dem Flughafen begeistert empfangen. Bereits am 7. Oktober erreichen die ersten 600 der „Zehntausend“ Kriegsgefangenen den Grenzbahnhof Herleshausen, um über das Lager Friedland zu ihren Angehörigen zu gelangen. Bis Anfang 1956 sind es insgesamt 9 626 ehemalige Soldaten und mehr als 20 000 Zivilinternierte, die die Sowjetunion verlassen können. Zu den Spätheimkehrern zählen auch 426 „Nichtamnestierte“, die am 14. Januar 1956 die innerdeutsche Grenze passieren. Etwa eine Million Soldaten gelten jedoch auch heute immer noch als vermisst. Von den 130.000 Angehörigen der Stalingradarmee kehren nur 6.000 in die Heimat zurück. Die Sterblichkeitsrate in der russischen Kriegsgefangenschaft beträgt mehr als 90 Prozent.
Einige der sogenannten „Spätheimkehrer” treten dann in die neu aufzustellenden Streitkräfte ein, darunter Friedrich Foertsch, ehemaliger Generalstabschef der 18. Armee an der Ostfront, der 1945 im Kurlandkessel in russische Gefangenschaft gerät. Alle Kriegsgefangenen sind unterernährt; Foertsch wog bei seiner Heimkehr nur noch 46 Kilogramm. Am 2. November 1956 tritt er in die Bundeswehr ein. Am 1. April 1961 wird er nach Adolf Heusinger der zweite Generalinspekteur der Bundeswehr.
Die „Heimkehr der Zehntausend“ ist ein großer Erfolg für den Kanzler und die Christdemokraten. Bei der dritten Bundestagswahl am 15. September 1957, die Wahlbeteiligung beträgt 87,8 Prozent, erreicht die Partei 50,2 Prozent der Zweitstimmen und damit die absolute Mehrheit – ein Ergebnis, das sie nie wieder erreicht hat. Bis heute ist es das beste Wahlergebnis, das eine Partei in Deutschland bei einer Bundestagswahl erzielte.
