Neuer Wehrbeauftragter: Henning Otte - Das Parlament hat wieder ein Hilfsorgan

Neuer Wehrbeauftragter: Henning Otte - Das Parlament hat wieder ein Hilfsorgan

MdB Henning Otte, lächelt im Anzug vor türkisfarbenem Hintergrund.

Henning Otto (CDU) ist heute mit klarer Mehrheit von 391 Stimmen zum „Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages“ gewählt worden. Er löst Eva Högl (SPD) ab, die nach fünfjähriger Amtszeit (2020-2025) aus dem Kontrollgremium des Deutschen Bundestages ausscheidet. Ihre letzte Unterrichtung (Jahresbericht 2024) hatte sie dem Bundestag am 11. März „zugeleitet“.

Henning Otte wurde am 27. Oktober 1968 in Celle geboren. Nach dem Abitur ging er für zwei Jahre als Zeitsoldat zur Bundeswehr und wurde Reserveoffizier der Panzertruppe. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Sparkassenkaufmann und studierte Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2005 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages. Nun wird er gemäß Artikel 45b des Grundgesetzes „zum Schutze der Grundrechte und als Hilfsorgan des Bundestages bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle“ für die nächsten fünf Jahre tätig. Mit Bundeswehr und Sicherheitspolitik hat er sich in der parlamentarischen Arbeit bereits u.a. als stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss und als ordentliches Mitglied in der Parlamentarischen Versammlung der NATO befasst. Als Mitglied der Gesellschaft für Wehrtechnik und des Förderkreis Deutsches Heer kennt er die personellen und materiellen Herausforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung.

Ein kurzer Blick in die Geschichte der Institution des Wehrbeauftragten zeigt, dass es diese in der deutschen Militär- und Verfassungsgeschichte erst seit 1959 gibt. Anfang der 1950er Jahre war die Entscheidung gefallen, Streitkräfte aufzustellen. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Ernst Paul, der in Schweden die Institution des „Militie-Ombudsman“ kennen gelernt hatte, forderte auch für die neuen Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland einen „Ombudsmann“. Mit seiner Forderung stieß er sofort auf den Widerstand der alten Militärs, aber auch der Parlamentarier. Regierung und Opposition einigten sich schließlich auf den Kompromiss, das Kontrollinstrument des Wehrbeauftragten als Hilfsorgan des Bundestages einzuführen. Bis zur Ernennung des ersten Wehrbeauftragten dauerte es allerdings noch einige Zeit.

Mit der Grundgesetzergänzung vom 26. Februar 1954 wurde die Wehrhoheit des Bundes ermöglicht. Mit der Ratifizierung des „Gesetzes über den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Brüsseler Vertrag und zum Nordatlantikvertrag“ im Oktober 1954 wurde die Aufstellung von Streitkräften beschlossen. Am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag Gerhard von Scharnhorst, erhielten 101 Soldaten in der Fahrzeughalle der Ermekeil-Kaserne in Bonn ihre Ernennungsurkunde. Anfang Januar 1956 rückten die ersten Freiwilligen in Andernach, Nörvenich und Wilhelmshaven ein. Im März verabschiedete der Bundestag die Wehrverfassungsnovelle und machte damit den Weg frei für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Der Artikel 45 b wurde in das Grundgesetz aufgenommen. Er lautet: „Zum Schutz der Grundrechte und als Hilfsorgan des Bundestages bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle wird ein Wehrbeauftragter des Bundestages berufen. Das Nähere regelt ein Gesetz.“

Nach dem „Illerunglück“ vom 3. Juni 1957, bei dem 15 Wehrpflichtige in der Iller bei Kempen ertranken, wurde am 26. Juni 1957 das „Gesetz über den Wehrbeauftragten“ verabschiedet. Erst im Februar 1959 wählte der Bundestag Helmut von Grolman zum Wehrbeauftragten. Der ehemalige Generalleutnant war Staatssekretär im niedersächsischen Vertriebenenministerium. Er war parteilos, seine Nachfolger gehörten einer Partei an. Ein neues Kapitel deutscher Verfassungs- und Militärgeschichte begann. Der erste „Jahresbericht 1959“ erschien am 8. April 1960. Bereits ein Jahr später trat Grolman aus persönlichen Gründen zurück. Sein Nachfolger wurde am 8. November 1961 der Bundestagsabgeordnete Hellmuth Guido Heye. Doch auch der ehemalige Vizeadmiral ging nach nur drei Jahren wieder von Bord. Er hatte die Illustrierte „Quick“ genutzt, um seine Sorgen über die Bundeswehr in die Öffentlichkeit zu tragen, was im Parlament nicht gut ankam.

Die nächsten Wehrbeauftragten Matthias Hoogen (1964-69) und Fritz-Rudolf Schultz (1970-75) amtierten fünf Jahre. Mit Karl Wilhelm Berkhan (1975-85) übernahm erstmals ein Sozialdemokrat das „Wächteramt“. Ihm folgten Willi Weiskirch (1985-90) und Alfred Biehle (1990-95). Nach einer Gesetzesänderung, nach der der Wehrbeauftragte keinen Wehrdienst geleistet haben muss, wurde am 30. März 1995 die Bundestagsabgeordnete Claire Marienfeld gewählt, die heutige Ehrenpräsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), die von den Medien gerne als „Mutter Courage“ bezeichnet wurde. Ihr folgten Wilfried Penner (2000-05), Reinhold Robbe (2005-10), Hellmut Könighaus (2010-15) und Hans-Peter Bartels (2015-20). Am 6. Mai 2022 wählte ihn die Bundesversammlung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) zu ihrem Präsidenten.

Die Jahresberichte sind immer umfangreicher geworden, der aktuelle umfasst 183 Seiten. Das Stichwortverzeichnis reicht von ABC-Abwehr bis Zurruhesetzung. Im ersten Berichtsjahr 1959 gab es 3.368 Eingaben bei einer Jahresdurchschnittsstärke von 248.800 Soldaten. Ein Jahr vor der Wiedervereinigung 1989 erreichten den Wehrbeauftragten 10.190 Eingaben bei 486.825 Soldaten. Im Berichtsjahr 2019 betrug die Gesamtzahl der erfassten Vorgänge 3.835 bei einer Durchschnittsstärke von 182.219 Soldatinnen und Soldaten. Im Jahr 2024 betrug die Anzahl der erfassten Vorgänge 3.891 bei einem Jahresdurchschnittsbestand von 180.876 aktiven Soldaten. Bei der Aufschlüsselung nach Sachgebieten stehen Personalangelegenheiten an der Spitze der Eingaben. Es folgen Disziplinarrecht/Straftaten, dann Menschenführung/Kameradschaft, Versorgung/Soziales. Die Dienstgradgruppe, die sich am häufigsten an den Wehrbeauftragten wandte, waren Unteroffiziere mit Portepee, gefolgt von Mannschaften. Generale sind mit 0,0 vertreten.

Mit Henning Otte hat der Bundestag wieder ein „Hilfsorgan“ bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle über die Bundeswehr. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte er freue sich auf die Zusammenarbeit mit Otte.

Letzte News

Letzte News

  • 20Oct
    Ist die sicherheitspolitische Zeitenwende in der Gesellschaft angekommen?

    Der neueste Forschungsbericht (Nr. 140) des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) stellt die Frage: „Wie wehrbereit ist die deutsche Bevölkerung?” Aus den Antworten wird das sicherheits- und verteidigungs-politische Meinungsbild in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2026 abgeleitet. Der Autor Timo Graf will den Zustand für das ZMSBw und damit für das Verteidigungsministerium ermitteln. Die Befragung von 2 232 Bürgerinnen und Bürgern der…

  • 19Oct
    Der Bundesvorstand der GSP beim Multinational Korps in Stettin.

    Vom 14.-16 Oktober 2026 führte der Bundesvorstand der Gesellschaft für Sicherheitspolitik eine Reise zum Multinationalen Korps Nordost nach Stettin durch.

    zum Bericht

  • 12Oct
    Fregattenkapitän Marco Thiele neuer Präsident des Deutschen Marinebundes

    Führungswechsel beim Deutschen Marinebund: Heinz Maurus übergibt nach neun Jahren das Präsidentenamt 

    115. Abgeordnetentag in Rottenburg würdigt die Verdienste des langjährigen Präsidenten – Fregattenkapitän Marco Thiele einstimmig zum Nachfolger gewählt.

    Laboe/Rottenburg am Neckar, 11. Oktober 2026. Nach neun Jahren an der Spitze des Deutschen Marinebundes (DMB) hat Staatssekretär a. D. Heinz Maurus auf dem 115. Abgeordnetentag des Verbandes in Rottenburg am Neckar sein Amt als Präsident…

  • 12Oct
    Die Suezkrise 1956 – gescheiterter Kampf um den Kanal

    Die Planung der Aktion ist streng geheim. In der Nacht des 26. Juli 1956 besetzen ägyptische Kommandoeinheiten die Verwaltungsbüros und alle technischen Einrichtungen der Betreibergesellschaft des Suezkanals. Sie stoßen auf keinen Widerstand. Die europäischen Führungskräfte und Angestellte sind zu Hause und hören an den Radios die Rede von Präsident Gamal Abd al-Nasser zum Jahrestag der Revolution. Oberst Nasser hat zusammen mit Offizieren der Gruppe „Freie Offiziere“ am 23. Juli 1952 gegen den…

  • 06Oct
    Der Traum von Freiheit endet im Kugelhagel - Sowjetpanzer walzen den ungarischen Volksaufstand nieder

    Am 23. Oktober jährt sich der Ausbruch des Ungarn-Aufstands zum siebzigsten Mal. Wie kam es dazu? Eine kurze Einordnung in das damalige Zeitgeschehen. 1953 war Josef W. Stalin gestorben, der seit 1922 an der Spitze der Sowjetunion gestanden hatte. Den internen Machtkampf um seine Nachfolge gewann Nikita Chruschtschow. Drei Monate später kam es in verschiedenen Städten der DDR zu spontanen Streiks und Demonstrationen. Nur mit Hilfe sowjetischer Truppen konnten sie niedergeschlagen werden. Im…

  • 22Sep
    Carsten Breuer wird Vorsitzender des NATO-Militärausschusses in Brüssel

    Am 18./19. September fand in Kopenhagen die jährliche Konferenz der NATO-Generalstabschefs statt, dabei wurde der Generalinspekteur der Bundeswehr zum Vorsitzenden des Militärausschusses gewählt. Er soll das Amt im Juli 2027 als Nachfolger des italienischen Admirals Giuseppe Cavo Dragone antreten. Der Vorsitzende des NATO-Militärausschusses (MC) ist der wichtigste militärische Berater des NATO-Generalsekretärs und fungiert als Schnittstelle zwischen den Generalstabschefs der 32 Mitgliedstaaten…

  • 24Aug
    „9/11“ – Terrorangriff auf den Erzfeind Amerika

    „9/11“ – Terrorangriff auf den Erzfeind Amerika / Für die Welt eine unvergessene Tragödie

    Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center (WTC) in Manhattan, New York City, und auf das Pentagon in Arlington, Virginia, beginnt eine neue Zeitrechnung des Terrorismus. Die politischen Auswirkungen des vom 43. Präsidenten Amerikas, George W. Bush, ausgerufenen „War on Terror“ sind bis heute spürbar. Ein Ende des „Kriegs gegen den Terror“ ist nicht abzusehen. Das…

  • 10Aug
    Die Berliner Mauer: Wie die „Operation Rose“ den Westen überrumpelt

    Die Berliner Mauer: gebaut 1961, gefallen 1989 - Wie die „Operation Rose“ den Westen überrumpelt

    65 Jahre nach Beginn des Mauerbaus wird ein temporärer Gedenkort am Brandenburger Tor an die deutsch-deutsche Grenze erinnern. Die offizielle Gedenkfeier am 13. August findet an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße statt. Ein Rückblick auf „die Frontstadt“ und den mehr als 40 Kilometer langen „antifaschistischen Schutzwall” mitten durch Berlin.

    Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs…

  • 22Jun
    Aus Grenzschützern werden Soldaten - Ein historischer Tag für die Bundeswehr

    Vor 70 Jahren wurden fast 10.000 Vollzugsbeamte des Bundesgrenzschutzes (BGS) in die Bundeswehr übernommen. Am 30. Juni 1956 dienen sie noch „unter dem Adler des Bundes“ und tragen eine grüne Uniform. Ab dem 1. Juli sind sie Soldaten und tragen den grauen Rock. Ohne die Übernahme der „BGSler“, wie sie genannt werden, wäre der Aufbau und die Indienststellung der ersten drei Heeresdivisionen im Jahr 1957 nicht so schnell vonstattengegangen.

    Ein kurzer Blick in die BGS-Geschichte. Bereits nach der…

  • 16Jun
    Die Heimatschutzdivision – Territorialer Schutz als Pfeiler der Gesamtverteidigung

    Die Aufstellung der Heimatschutzdivision, HschDiv, im April 2025 gab Anlaß bei einem kürzlichen Parlamentarischen Abend in Berlin für Generalmajor Andreas Henne als ersten Kommandeur dieses Verbandes unter dem Titel "Heimatschutzdivision - Antwort auf die Bedrohung Deutschlands" ein erstes Resümee zu ziehen.