Bilanz am Hindukusch?

Bilanz am Hindukusch?

Es ist kaum zu glauben: In diesem Jahr werden nach den unfassbaren Terrorangriffen auf New York und Washington schon wieder 20 Jahre vergangen sein. Und fast ebenso lange dauert ein deutsches militärisches Engagement, das die Bundeswehr wie kaum eine andere Aufgabe seit dem Ende des Kalten Krieges bestimmt, geformt und beansprucht hat. Dies in der Ausrüstung, in der Ausbildung, in den Führungsprozessen, im soldatischen Selbstverständnis, und nicht zuletzt im öffentlichen Meinungsbild. Wer erinnert sich auch nicht an den legendären und seither heftig umstrittenen Satz des damaligen Verteidigungsministers Struck vom Dezember 2002: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“

Auf dem ganzen Weg von Ende 2001 bis heute war der Aufwand der internationalen Koalition gewaltig – egal ob in der Phase der International Security Assistance Force (ISAF) oder ab 2015 der Mission Resolute Support (RS). In der Spitze standen 130.000 Soldaten aus 48 Staaten am Hindukusch. Der Bundeswehr, die heute immer noch nach den USA der zahlenmäßig zweitstärkste Truppensteller ist, war daran von Anfang an in unverzichtbarer Weise beteiligt – dies vor allem als Führungsnation im Norden Afghanistans. 59 deutsche Soldaten sind dabei bis zum heutigen Tag gefallen.

Der Erfolg der internationalen Anstrengungen zur inneren Befriedung Afghanistans gilt als durchwachsen, um es optimistisch auszudrücken. Viele Beteiligte und Beobachter behaupten, die Sicherheitslage vor Ort – und dabei auch im zuvor als vergleichsweise ruhig geltenden Norden – habe sich im Gegenteil kontinuierlich eher verschlechtert. Auch sei von einem nachhaltigen Erfolg der eigentlich so richtigen US-Strategie, die „hearts and minds“ der breiten afghanischen Bevölkerung zu gewinnen, nur wenig zu spüren. Manche fällen sogar ein noch drastischeres Urteil: Unter dem Strich habe der Westen am Hindukusch kläglich versagt – wobei meist offenbleibt, bei wem konkret die Schuld dafür liegt und ob ein Erfolg unter den gegebenen Bedingungen überhaupt realistisch gewesen wäre. Im Ergebnis ist es wohl keine Übertreibung zu behaupten: Das Afghanistan von heute ist auch nach zwei Jahrzehnten intensiven internationalen Engagements nicht das, was wir uns anfangs mit viel Enthusiasmus und wohl überzogenen Erwartungen versprochen haben.

Einiges deutet nun darauf hin, dass sich der internationale Afghanistan-Einsatz dem Ende nähert. 2020 haben sich die USA im Doha-Abkommen – quasi im Alleingang – gegenüber den Taliban verpflichtet, unter bestimmten Voraussetzungen (von deren Vorliegen man derzeit wohl kaum sprechen kann) auch den Rest ihrer in den vergangenen Jahren ohnehin drastisch reduzierten Truppen bis Ende März dieses Jahres abzuziehen. Das wäre dann natürlich gleichbedeutend auch mit dem Ende des deutschen militärischen Einsatzes am Hindukusch, dessen aktuelles Mandat ebenfalls in wenigen Wochen ausläuft. Ob und wann genau es dazu kommt, ist aktuell mehr als offen. Alles hängt wohl davon ab, wie der neue US-Präsident Biden in dieser Causa entscheidet.

Wie auch immer die USA sich weiter festlegen: Es ist nun allerhöchste Zeit für eine offene, selbstkritische und tiefgehende Analyse dessen, was über zwei Jahrzehnte hinweg angestrebt und was erreicht wurde. Es darf natürlich nicht passieren, dass wir nach einem Abzug nun schlichtweg wieder zur Tagesordnung übergehen. Die deutsche Sicherheitspolitik, die westlichen Militärstrategien und vor allem die so dringlichen konzeptionellen Überlegungen zur Entwicklung der Bundeswehr brauchen nun eine breite Bestandsanalyse und ehrlicher „Lessons Learned“. Mit anderen Worten: Haben wir die gesetzten Ziele im Ergebnis von 20 Jahren Engagement erreicht - und wenn nicht: Warum nicht und wo genau nicht? Was haben wir eher richtig, was falsch gemacht? Und vor allem auch: Was konnten wir im Lichte der Lage überhaupt erreichen? Stimmten Auftrag und Mittel immer überein? Oder waren die Ambitionen von Anfang an unrealistisch, also im Kern nicht erfüllbar? Und und und …

Diese rückblickenden Analysen und zugleich zukunftsweisenden Perspektiven bedürfen aber zugleich – das kann gar nicht oft genug betont werden – einer Betrachtung deutscher Sicherheitspolitik, die weit über das Militärische hinausgeht. Wie kaum zuvor wurde gerade bei der Afghanistan-Mission die Notwendigkeit sichtbar, alle sicherheitspolitischen Instrumente eng zu verflechten. Es reicht also in keiner Weise hin, einen Kassensturz am Hindukusch nur auf den Beitrag der Bundeswehr zu begrenzen. Das wäre dann zwar irgendwie eine Fortsetzung alter und bequemer Denkgewohnheiten, aber im Kern grundlegend falsch. Afghanistan hat auf schmerzhafte Weise die Anforderungen an eine moderne, umfassende und vernetzte Sicherheitspolitik und dabei auch die Grenzen des Erreichbaren aufgezeigt.


Umfrage

Wie lässt sich unter dem Strich der fast 20-jährige Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan bewerten?

  • als erfolgreich:
    0%
  • als nur bedingt erfolgreich:
    64.29%
  • als nicht erfolgreich:
    35.71%

Wie stellt sich das militärische Engagement Deutschlands in Afghanistan im Nachgang insgesamt dar?

  • als zu halbherzig:
    92.31%
  • als gut austariert:
    7.69%
  • als überzogen:
    0%

Haben im Zuge des internationalen Afghanistan-Einsatzes militärische und zivile Instrumente sinnvoll austariert zusammengewirkt?

  • eher ja:
    0%
  • eher nein:
    100%

Hinterher ist man immer klüger, aber: Wäre insgesamt auch mit dem heutigen Wissen ein militärisches Engagement in Afghanistan von Anfang an angezeigt?

  • eher ja:
    23.08%
  • eher nein:
    76.92%

Mit Blick nach vorn: Ist der militärische Afghanistan-Einsatz eine Blaupause für die weitere Entwicklung deutscher Streitkräfte?

  • ja:
    7.69%
  • nein:
    92.31%

Kommentare (1)

  • Richard Roßmanith vom 22.02.2021 um 10:27
    Stimme den Aussagen und Forderungen grundsätzlich zu. In der Tat, angesichts des immensen Aufwands wurde viel zu wenig erreicht. Bei der Auswertung der letzten 20 Jahre ist ein umfassender Ansatz erforderlich. Militär, humanitäre Helfer und Entwicklungszusammenarbeit spielen sicher wichtige Rollen. Zu fragen ist aber auch nach den Beiträgen von Diplomatie und Politik. Ein in meinen Augen zentraler strategischer Fehler war z.B. die Akzeptanz der stark manipulierten Präsidentenwahl 2009 durch die internationale Gemeinschaft. Selten haben die gegnerischen Kräfte in Afghanistan mehr Wasser auf ihre Mühlen erhalten. Ein weiterer essentieller und mit der Wahlmanipulation eng zusammenhängender Kern des Konflikts ist die alle Bereiche durchdringende Korruption, die als Krebsgeschwür nahezu sämtliche Bereiche von Politik, Gesellschaft und Alltag Afghanistans dominiert und zum wesentlichen Lebensspender der militanten Opposition geworden ist.

Bitte einloggen um einen neuen Kommentar zu verfassen.
zum Login

Noch nicht registriert?
zur Registrierung

Nationaler Sicherheitsrat für Deutschland?

| von Kersten Lahl

Spätestens seit Ende der 1990er Jahre wird so beständig wie erfolglos die Frage aufgeworfen, ob wir in Deutschland einen übergreifenden Nationalen Sicherheitsrat brauchen. Ein zunehmend komplexes sicherheitspolitisches Umfeld, neue strategische Herausforderungen und das Erfordernis einer engeren Verflechtung aller Akteure lassen es seither geboten erscheinen, nach überzeugenden Antworten zu suchen. Im Zuge des nun beendeten Wahlkampfes, aber auch der schmerzvollen Erfahrungen in Afghanistan kam…

Mali, Wagner und wir

| von Kersten Lahl

Der Einsatz in Afghanistan ist Vergangenheit. Nun sind die Augen des europäischen militärischen Krisenmanagements noch mehr als bisher auf Mali gerichtet. Schon seit einiger Zeit gilt der Einsatz in diesem Land als der gefährlichste aller aktuellen Missionen.

Beim Blick auf dieses krisengeschüttelte Land in der Sahel-Zone eröffnen sich beunruhigende Parallelen zum Hindukusch. Auch hier versuchen Europa und die Vereinten Nationen mittels militärischer Ausbildungsunterstützung und weiteren…

Afghanistan der Taliban - Wie sollte Europa damit umgehen?

| von Kersten Lahl

Die entscheidenden Würfel in Afghanistan sind gefallen. Die Taliban dürfen sich als Sieger ausrufen, und sie bleiben wohl auf absehbare Zeit die dominierende Kraft. Der Westen mit seinen Interessen und Wertvorstellungen ist weitgehend raus. Auch die Vereinten Nationen zählen mit ihren Zielen internationalen Friedens und humanitären Fortschritts zu den Verlierern. Und andere internationale Akteure blicken teils mit Ängsten, teils mit Schadenfreude und teils auch mit freudigen eigenen Erwartungen…

Ursachen des Versagens am Hindukusch gesucht. Finden wir wenigstens dazu die Kraft?

| von Kersten Lahl

Das unfassbare Desaster in Afghanistan hat sich eigentlich seit Monaten angedeutet. Aber mit dieser rasanten Geschwindigkeit hat bis zuletzt niemand gerechnet. Bereits eine Woche nach dem Fall von Kunduz stehen die Taliban nun auch in Kabul und haben damit endgültig die Macht am Hindukusch wieder an sich gerissen. So wie das vor 9/11 der Fall war. Vielleicht sogar mit noch schlimmeren Folgen, wer weiß?

Im Augenblick ist wenig Zeit für die Suche nach Ursachen, Versäumnissen und Schuld. Aktuell…

Sollten wir Afghanistan den Taliban überlassen?

| von Kersten Lahl

Kunduz ist seit wenigen Tagen in der Hand der Taliban. Sie haben diese Provinzhauptstadt, die über mehr als ein halbes Jahrzehnt wie wohl kein anderer Ort in Afghanistan mit dem deutschen Beitrag am Hindukusch verbunden war, offenbar erobert. Zumindest sagen das die irritierenden Schlagzeilen, die uns weitab in Europa erreichen. Wer in der ersten Phase unseres Engagements die Stadt oder das erste deutsche Feldlager mittendrin dort erlebt hat, also den Anfang der Sicherheitslage damals mit dem…

Jahrhunderthochwasser?

| von Kersten Lahl

Die schrecklichen Bilder von Mitte Juli aus den Tälern der Ahr, der Erft, der Swist und weiterer eher kleiner Flüsse wühlen auf. Fast 200 Menschen haben durch das plötzliche Hochwasser ihr Leben verloren, unzählige weitere sehen sich ihrer beruflichen und persönlichen Existenz beraubt. Die Sachschäden betragen mehrere Milliarden Euro, so viel steht wohl jetzt schon fest. Man fragt sich: Wie konnte das geschehen? Und: Handelt es sich um eines der „Jahrhundertereignisse“ – die ja dem Begriff nach…

Waffen für die Ukraine?

| von Kersten Lahl

 Das Dilemma ist altbekannt: Wie unterstützt man am wirkungsvollsten Partner, die widerrechtlich von außen bedrängt werden? Mit Geld und Diplomatie – oder besser mit Ausbildung, Waffen oder gar Truppen? Im Falle der Nato-Verbündeten stellt sich diese Frage nicht. Da zählt kaum etwas mehr als „unbedingte Solidarität“. Das ist schließlich die DNA der transatlantischen Allianz. Bei anderen Ländern allerdings bietet es sich an, genauer hinzuschauen. Dort gelten andere Regeln. In Deutschland steht…

Flucht vor der Pandemie

| von Kersten Lahl

Seit mehr als 15 Monaten beherrscht ein Virus die täglichen Schlagzeilen – und verdrängt damit die Aufmerksamkeit auf so manch anderes. Im Fokus stehen zurecht die Corona-Opfer und die verzweifelten Versuche zur Eindämmung weiterer Krankheitsfälle, aber auch die Einschränkungen im öffentlichen Leben ganz unmittelbar. Der Blick der Politik und auch der meisten Menschen ist wie selten zuvor nach innen gerichtet.

Globale Aspekte der Pandemie werden hingegen in vielen Bereichen erst nach und nach…

Afghanistan – Mut zur Bilanz!

| von Kersten Lahl

Nun ist es also soweit. Die USA und mit ihr auch Deutschland haben entschieden, den Afghanistan-Einsatz noch in diesem Sommer zu beenden. Es hat lange, sehr lange gedauert bis zu diesem Entschluss – genau genommen rund 20 Jahre.

Um es vorab klarzustellen: Es gab nach den unfassbaren Anschlägen der AlQaida auf New York und Washington wohl kaum eine echte Alternative zu dem Ansatz, dem internationalen Terrorismus an seinem damaligen Ursprung militärisch zu begegnen – und dies in sichtbarer…

Wird der Preis für Nord Stream 2 unbezahlbar?

| von Kersten Lahl

Seit seinem Beginn birgt Nord Stream 2 hohes Konfliktpotenzial mit spalterischer Wirkung auf nationaler wie internationaler Ebene. Auch wenn bereits rund 90 Prozent des Projekts fertiggestellt sind, so scheint der politische Preis heute sehr viel höher als ursprünglich erwartet.

Die Argumentationslinien des Pro und Contra waren von Anfang an breit gefächert und verschärfen sich seither in teils dramatischer Weise:

  • Wirtschaftspolitisch verspricht man sich von dem Vorhaben einen beträchtlichen…

Das Kommando Spezialkräfte kommt nicht aus den Schlagzeilen.

| von Kersten Lahl

 

Elitetruppe?

Das Kommando Spezialkräfte kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen. In regelmäßigen Abständen kochen neue Tatsachen oder auch Mutmaßungen hoch, die dann in Parlament, Truppe und Öffentlichkeit breit und mit ehrlichem Entsetzen diskutiert werden. Die ganze Bundeswehr fühlt sich letztlich betroffen, und dies auf keineswegs angenehme Weise. Den meisten Zeitungskommentaren lässt sich jedenfalls ein – mitunter vielleicht auch leicht wohliger – Schauer der Entrüstung entnehmen.…

Bilanz am Hindukusch?

| von Kersten Lahl

Es ist kaum zu glauben: In diesem Jahr werden nach den unfassbaren Terrorangriffen auf New York und Washington schon wieder 20 Jahre vergangen sein. Und fast ebenso lange dauert ein deutsches militärisches Engagement, das die Bundeswehr wie kaum eine andere Aufgabe seit dem Ende des Kalten Krieges bestimmt, geformt und beansprucht hat. Dies in der Ausrüstung, in der Ausbildung, in den Führungsprozessen, im soldatischen Selbstverständnis, und nicht zuletzt im öffentlichen Meinungsbild. Wer…