Mali, Wagner und wir

Mali, Wagner und wir

Der Einsatz in Afghanistan ist Vergangenheit. Nun sind die Augen des europäischen militärischen Krisenmanagements noch mehr als bisher auf Mali gerichtet. Schon seit einiger Zeit gilt der Einsatz in diesem Land als der gefährlichste aller aktuellen Missionen.

Beim Blick auf dieses krisengeschüttelte Land in der Sahel-Zone eröffnen sich beunruhigende Parallelen zum Hindukusch. Auch hier versuchen Europa und die Vereinten Nationen mittels militärischer Ausbildungsunterstützung und weiteren Mandate eine gewisse Stabilisierung zu fördern – zusätzlich zu rein französischen, vergleichsweise sehr robusten Anstrengungen. Dabei geht es keineswegs nur um Mali und seine Bevölkerung selbst. Vielmehr gilt es, einer weiteren Ausbreitung des islamistischen Terrorismus, dessen Brutstätten in fragilen Staaten beste Bedingungen finden und von dort aus ganze Regionen destabilisieren und die internationale Gemeinschaft bedrohen, einen Riegel vorzuschieben. Damit sind dezidiert auch unsere eigenen sicherheitspolitischen Interessen berührt.

Ein wirklicher Erfolg dieses Bemühens ist bisher allerdings schwer zu erkennen. Auch in Mali scheint Ähnliches zu gelten wie in Afghanistan: Westliche Ambitionen, in Krisenregionen anderer Kontinente ein friedliches Zusammenleben zu fördern oder zu erzwingen, stoßen erkennbar an Grenzen. Eine fremde Kultur mit uns fremden Werten, eine undurchschaubare Gemengelage diverser Ethnien, Milizen und Interessen sowie eine qualitativ kaum genügende Regierungsführung vor Ort schaffen ein Umfeld, in dem nachhaltige Fortschritte extrem schwer erreichbar sind. Und wenn dann auch noch in dem Land das von uns protegierte und seit Jahren ausgebildete Militär wiederholt glaubt putschen zu müssen, dann stellt sich schon so etwas wie die Sinnfrage.

Auf der anderen Seite wissen oder zumindest ahnen wir: Wenn wir Europäer uns angesichts einer als recht deprimierend empfundenen Lage zurückziehen, entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut ein Vakuum mit alles andere als wünschenswerten Folgen. So provokativ es auch klingen mag: Unsere Sicherheit wird letztlich eben auch in diesen fragilen Regionen verteidigt, und Kapitulation dient diesem Ziel eher weniger.

Das offenkundige Dilemma droht sich aktuell weiter zuzuspitzen. Aus recht undurchschaubaren Gründen – es wird der angebliche Bedarf Malis nach einer Diversifizierung vorgeschoben – denken die aktuellen Machthaber in Bamako über eine Zusammenarbeit mit rund 1.000 Söldnern einer russischen Söldnertruppe mit dem so deutschklingenden Namen „Wagner“ nach. Der Leumund dieser Organisation ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht der beste, und die vermuteten direkten Verbindungen in den Kreml hinein verunsichern zusätzlich. Eine strategische oder operative Zusammenarbeit mit den europäischen Truppen vor Ort scheint völlig undenkbar, aber auch ein paralleles Wirken kann man sich in der Praxis und unter geopolitischen Aspekten kaum vorstellen.

Und genau deshalb ist man vor allem in Paris und in Berlin nicht nur irritiert, sondern prüft harte Konsequenzen, falls die Machthaber in Bamako an ihren merkwürdigen Plänen festhalten. Die weitere Zukunft der – ohnehin nicht übermäßig geliebten – militärischen Krisenmissionen in Mali hängt damit am seidenen Faden. Es gilt, wie so oft in sicherheitspolitischen Fragen, zwischen zwei oder mehreren Alternativen diejenige auszuwählen, die am wenigsten schädlich ist.


Umfrage

Wenn die Regierung in Bamako tatsächlich die Söldnertruppe „Wagner“ ins Land holt, sollte die Bundeswehr ungeachtet der sicherheitspolitischen Folgen

Kommentare (1)

  • Dasdin Duman vom 17.09.2021 um 14:00
    Ein Rückzug aus Mali, insbesondere wenn unseren französischen Partner uns folgen sollten, lässt in der Sahelzone ein Machtvakuum entstehen, dass wir sehenden Auges von russischen Söldnern ausfüllen lassen würden. Was es bedarf ist eine Neuausrichtung der Mission mit dem Ziel einer aktiven und somit offensiven Terrorismusbekämpfung. Damit geht selbstverständlich ein neues Bundeswehrmandat einher, dass der Zustimmung des Deutschen Bundestags bedarf. Im Rahmen eines NATO-Einsatzes lässt sich ein solches Mandat durch Unterstützung der Allianz durchaus robuster gestalten, wodurch eine Stabilisierung Malis und die Abwehr der signifikanten Einflussnahme von islamistischem Terrorismus zielführender erreicht werden kann.
    Ein verfassungsrechtlich gebotenes Parlamentsmandat unter Einschließung der skizzierten Neuausrichtung lässt sich allerdings im Kontext der anstehenden Bundestagswahl als äußerst unrealistisch einstufen, da der (politische) Wille für ein realistisches Fazit aus dem Afghanistan Einsatz gegenwärtig nicht mehrheitsfähig ist: Kurzweilige, dafür aber vehemente Interventionen zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus sind nachhaltiger, verlustärmer und zweckdienlicher als auf Jahre ausgerichtete Operationen mit einem erzieherischen Charakter.

Bitte einloggen um einen neuen Kommentar zu verfassen.
zum Login

Noch nicht registriert?
zur Registrierung

Mali, Wagner und wir

| von Kersten Lahl

Der Einsatz in Afghanistan ist Vergangenheit. Nun sind die Augen des europäischen militärischen Krisenmanagements noch mehr als bisher auf Mali gerichtet. Schon seit einiger Zeit gilt der Einsatz in diesem Land als der gefährlichste aller aktuellen Missionen.

Beim Blick auf dieses krisengeschüttelte Land in der Sahel-Zone eröffnen sich beunruhigende Parallelen zum Hindukusch. Auch hier versuchen Europa und die Vereinten Nationen mittels militärischer Ausbildungsunterstützung und weiteren…

Afghanistan der Taliban - Wie sollte Europa damit umgehen?

| von Kersten Lahl

Die entscheidenden Würfel in Afghanistan sind gefallen. Die Taliban dürfen sich als Sieger ausrufen, und sie bleiben wohl auf absehbare Zeit die dominierende Kraft. Der Westen mit seinen Interessen und Wertvorstellungen ist weitgehend raus. Auch die Vereinten Nationen zählen mit ihren Zielen internationalen Friedens und humanitären Fortschritts zu den Verlierern. Und andere internationale Akteure blicken teils mit Ängsten, teils mit Schadenfreude und teils auch mit freudigen eigenen Erwartungen…

Ursachen des Versagens am Hindukusch gesucht. Finden wir wenigstens dazu die Kraft?

| von Kersten Lahl

Das unfassbare Desaster in Afghanistan hat sich eigentlich seit Monaten angedeutet. Aber mit dieser rasanten Geschwindigkeit hat bis zuletzt niemand gerechnet. Bereits eine Woche nach dem Fall von Kunduz stehen die Taliban nun auch in Kabul und haben damit endgültig die Macht am Hindukusch wieder an sich gerissen. So wie das vor 9/11 der Fall war. Vielleicht sogar mit noch schlimmeren Folgen, wer weiß?

Im Augenblick ist wenig Zeit für die Suche nach Ursachen, Versäumnissen und Schuld. Aktuell…

Sollten wir Afghanistan den Taliban überlassen?

| von Kersten Lahl

Kunduz ist seit wenigen Tagen in der Hand der Taliban. Sie haben diese Provinzhauptstadt, die über mehr als ein halbes Jahrzehnt wie wohl kein anderer Ort in Afghanistan mit dem deutschen Beitrag am Hindukusch verbunden war, offenbar erobert. Zumindest sagen das die irritierenden Schlagzeilen, die uns weitab in Europa erreichen. Wer in der ersten Phase unseres Engagements die Stadt oder das erste deutsche Feldlager mittendrin dort erlebt hat, also den Anfang der Sicherheitslage damals mit dem…

Jahrhunderthochwasser?

| von Kersten Lahl

Die schrecklichen Bilder von Mitte Juli aus den Tälern der Ahr, der Erft, der Swist und weiterer eher kleiner Flüsse wühlen auf. Fast 200 Menschen haben durch das plötzliche Hochwasser ihr Leben verloren, unzählige weitere sehen sich ihrer beruflichen und persönlichen Existenz beraubt. Die Sachschäden betragen mehrere Milliarden Euro, so viel steht wohl jetzt schon fest. Man fragt sich: Wie konnte das geschehen? Und: Handelt es sich um eines der „Jahrhundertereignisse“ – die ja dem Begriff nach…

Waffen für die Ukraine?

| von Kersten Lahl

 Das Dilemma ist altbekannt: Wie unterstützt man am wirkungsvollsten Partner, die widerrechtlich von außen bedrängt werden? Mit Geld und Diplomatie – oder besser mit Ausbildung, Waffen oder gar Truppen? Im Falle der Nato-Verbündeten stellt sich diese Frage nicht. Da zählt kaum etwas mehr als „unbedingte Solidarität“. Das ist schließlich die DNA der transatlantischen Allianz. Bei anderen Ländern allerdings bietet es sich an, genauer hinzuschauen. Dort gelten andere Regeln. In Deutschland steht…

Flucht vor der Pandemie

| von Kersten Lahl

Seit mehr als 15 Monaten beherrscht ein Virus die täglichen Schlagzeilen – und verdrängt damit die Aufmerksamkeit auf so manch anderes. Im Fokus stehen zurecht die Corona-Opfer und die verzweifelten Versuche zur Eindämmung weiterer Krankheitsfälle, aber auch die Einschränkungen im öffentlichen Leben ganz unmittelbar. Der Blick der Politik und auch der meisten Menschen ist wie selten zuvor nach innen gerichtet.

Globale Aspekte der Pandemie werden hingegen in vielen Bereichen erst nach und nach…

Afghanistan – Mut zur Bilanz!

| von Kersten Lahl

Nun ist es also soweit. Die USA und mit ihr auch Deutschland haben entschieden, den Afghanistan-Einsatz noch in diesem Sommer zu beenden. Es hat lange, sehr lange gedauert bis zu diesem Entschluss – genau genommen rund 20 Jahre.

Um es vorab klarzustellen: Es gab nach den unfassbaren Anschlägen der AlQaida auf New York und Washington wohl kaum eine echte Alternative zu dem Ansatz, dem internationalen Terrorismus an seinem damaligen Ursprung militärisch zu begegnen – und dies in sichtbarer…

Wird der Preis für Nord Stream 2 unbezahlbar?

| von Kersten Lahl

Seit seinem Beginn birgt Nord Stream 2 hohes Konfliktpotenzial mit spalterischer Wirkung auf nationaler wie internationaler Ebene. Auch wenn bereits rund 90 Prozent des Projekts fertiggestellt sind, so scheint der politische Preis heute sehr viel höher als ursprünglich erwartet.

Die Argumentationslinien des Pro und Contra waren von Anfang an breit gefächert und verschärfen sich seither in teils dramatischer Weise:

  • Wirtschaftspolitisch verspricht man sich von dem Vorhaben einen beträchtlichen…

Das Kommando Spezialkräfte kommt nicht aus den Schlagzeilen.

| von Kersten Lahl

 

Elitetruppe?

Das Kommando Spezialkräfte kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen. In regelmäßigen Abständen kochen neue Tatsachen oder auch Mutmaßungen hoch, die dann in Parlament, Truppe und Öffentlichkeit breit und mit ehrlichem Entsetzen diskutiert werden. Die ganze Bundeswehr fühlt sich letztlich betroffen, und dies auf keineswegs angenehme Weise. Den meisten Zeitungskommentaren lässt sich jedenfalls ein – mitunter vielleicht auch leicht wohliger – Schauer der Entrüstung entnehmen.…

Bilanz am Hindukusch?

| von Kersten Lahl

Es ist kaum zu glauben: In diesem Jahr werden nach den unfassbaren Terrorangriffen auf New York und Washington schon wieder 20 Jahre vergangen sein. Und fast ebenso lange dauert ein deutsches militärisches Engagement, das die Bundeswehr wie kaum eine andere Aufgabe seit dem Ende des Kalten Krieges bestimmt, geformt und beansprucht hat. Dies in der Ausrüstung, in der Ausbildung, in den Führungsprozessen, im soldatischen Selbstverständnis, und nicht zuletzt im öffentlichen Meinungsbild. Wer…

Deutschland und Atomwaffenverbot

| von Kersten Lahl

Mit seinem Zauberlehrling hat Goethe schon Ende des 18. Jahrhunderts ein Phänomen beschrieben, das auch in der heutigen Sicherheitspolitik immer wieder höchste Aktualität und Sorge erfährt: Die Schwierigkeit, eine einmal begonnene Entwicklung auf Dauer zu beherrschen, also die erst gern gerufenen und dann aber extrem gefährlichen Geister wieder loszuwerden. In der klassischen Ballade findet sich zum Glück eine Lösung, indem der Meister zurückkommt und die frechen, außer Kontrolle geratenen Besen…