Sektion Elbe-Weser

Sektion Elbe-Weser

Mittwoch, 23.10.2019 - 19:00

Gefahren aus dem Weltraum!

In unserer stark technologisch geprägten Gesellschaft sind Dienstleistungen wie Telekommunikation, Navigation, Wettervorhersagen oder auch finanzielle Transaktionen eine Selbstverständlichkeit geworden. Bereitgestellt durch Satellitenmissionen im erdnahen Weltraum, erheben wir durch diese Dienste große Mengen an Daten, die über die alltägliche Nutzung hinaus u.a. auch zu einem besseren Verständnis des Klimawandels beitragen und es uns ermöglichen, zeitnahe Informationen zum Ressourcen- und Krisenmanagement zu erhalten. Dass die im All befindliche Infrastruktur, von der wir abhängig sind, Gefahren ausgesetzt ist, entzieht sich größtenteils unserer Wahrnehmung. Weltraumschrott ist in der Lage, Satelliten zu zerstören und stellt beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auch eine Gefahr für Menschen und Infrastruktur am Boden dar. Hochenergetische Teilchen, die im Rahmen von gewaltigen Sonneneruptionen auf den Weg Richtung Erde geschickt werden, stellen eine weitere Bedrohung dar. Und nicht zuletzt verfolgen wir die Bahnen der uns bekannten Asteroiden, die sich möglicherweise auf Kollisionskurs mit der Erde befinden könnten. Müssen wir uns mittlerweile mehr Gedanken darum machen, wie wir den erdnahen Weltraum als kostbare Ressource nutzen wollen? Wie schützen wir unsere Infrastruktur vor den Auswirkungen der Sonnenstürme? Können uns Asteroiden gefährlich werden und wie können wir uns schützen? Im Darmstädter Raumflugkontrollzentrum (ESOC - European Space Operations Centre) wird an diesen Themen bereits seit mehreren Jahren gearbeitet und gewonnene Erkenntnisse aktiv in bestehenden Missionen umgesetzt.
Vortrag und Diskussion
Referent: Dr. Vitali Braun , Space Debris Office, ESA

2005 - 2010: Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Braunschweig (Dipl.-Ing.)

2010 - 2015: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme (heute: Institut für Raumfahrtsysteme). Durchführung von Risikoanalysen für Raumfahrtmissionen; Entwicklung von Software zur Analyse von Vermeidungsmaßnahmen; Lehre in der Raumfahrt und Betreuung studentischer Arbeiten und Projekte

2016: Promotion (Dr.-Ing.) an der TU Braunschweig auf dem Gebiet der Weltraumüberwachung.

Seit März 2015: Space Debris Engineer in ESA's Space Debris Office. Operationelle Unterstützung der am ESOC betriebenen Missionen in der Kollisionsvermeidung (ebenfalls für externe Missionen); Wiedereintrittsvorhersagen; Risikoanalysen; Verantwortlich für die Weiterentwicklung der ESA-Software MASTER und DRAMA, welche Risiko- und Vermeidungsanalysen im Bereich Weltraummüll möglich machen, mit über 1000 Nutzern weltweit.

Ort: EWE - Kundencenter Bremervörde, rückwärtiger Eingang - Marktstraße 20 , 27432 Bremervörde
Organisator: Herr Oberstleutnant a.D. Werner Hinrichs , Sektionsleiter Elbe-Weser werner-hinrichs@web.de
Jütlandstraße 30, 27432 Bremervörde  04761 / 70121


von Axel Loos  (Fotos : Werner Hinrichs)

Diejenigen, die noch die alten schwarz-weiß-Folgen von „Raumschiff Enterprise“ kennen, werden sich sicher an den Beginn einer jeden Episode erinnern: „Der Weltraum, unendli­che Weiten...“. Dieser romantischen Vorstellung muss man jedoch wohl eine Absage ertei­len, und warum, das erklärte Dr. Vitali Braun, der zusammen mit neun weiteren Experten an der European Space Agency (ESA) für die Kollisionsvermeidung zuständig ist. Der junge Luft- und Raumfahrtingenieur war einer Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) Sektion Elbe - Weser gefolgt, über Gefahren aus dem Weltraum zu sprechen. Das Interesse in der Ostestadt, über den eigenen Tellerrand bzw. Horizont zu blicken, war sehr groß, und so konnten sicher der GSP-Sektionsleiter Werner Hinrichs und Dr. Braun über einen voll besetzten Saal im EWE-Kundenzentrum freuen.

Die Bedeutung der Satellitentechnik für das tägliche Leben musste Dr. Braun dann auch gar nicht mehr ausführlich erläutern. Täglich nutzen wir Daten aus dem Weltraum, sei es in Navigationsgeräten, in der Telekommunikation oder indirekt über Wetterprognosen, ohne weiter darüber nachzudenken. Der Ausbau der Internet-Infrastruktur wird die Weltraumka­pazitäten dabei noch weiter belasten und den Regulierungsdruck erhöhen. In seiner Abtei­lung beschäftigt sich Dr. Braun somit nicht nur mit der unmittelbaren Satellitensicherheit sondern auch mit Fragen des Weltraumrechts, der Folgen zunehmender Kommerzialisie­rung und der Müllvermeidung. Seine Expertise geben er und seine Kollegen in internatio­nalen Ausbildungsmissionen weiter. Ihr Schwerpunkt liegt auf drei Bereichen: der Beob­achtung erdnaher Objekte, Weltraum-Schrott und Weltraum-Wetter.

Erst vor kurzem übersah die NASA einen 90m großen Asteroiden, der mit einem Abstand von 65.000 km an der Erde vorbeizog. Das ist beunruhigend dicht. Der Weltraum wird zwar ständig überwacht, aber Asteroiden ab 1 km Größe sind erst zu 98% erfasst, die kleinen entsprechend weniger. Ziel der Weltraumbehörden ist es, rechtzeitig Warnungen aussprechen zu können. „Wir sind noch weit davon entfernt, Bruce Willis da hoch zu schicken, der das Problem löst“ holte Dr. Braun die Zuhörer auf den Boden der Tatsachen zurück. Das sind aber nur die natürlichen Gefahren, hinzukommen die, die der Mensch selbst hervorruft, nämlich Weltraumschrott. Anfangs ging man noch sehr sorglos mit dem um, was man da ins All schoss und dort verblieb oder explodierte, „Big Space“ war das Stichwort. Aber mit zunehmenden Aktivitäten vergrößern sich die Risiken exponentiell, und „der Schrott ist da, wo die Satelliten sind“ macht Dr. Braun das Problem deutlich. „Sie können nicht ohne weiteres woanders hin ausweichen, weil Ihnen dort Ihre Satelliten nichts nützen.“ Das betrifft alle Umlaufbahnen, die sich je nach Aufgabe der Satelliten, Kommunikation, Navigation oder Erdbeobachtung, in unterschiedlicher Entfernung zur Erde befinden. Schon kleine Teile von der Größe einer Kaffeebohne können aufgrund ihrer enormen Geschwindigkeit erhebliche Schäden an Satelliten und Raumstationen verursachen. Ein Ausweichmanöver, aber, ist ein komplexes Unterfangen, an dem ein ganzes Expertenteam beteiligt ist, das die verschiedensten astrophysikalischen und missionsspezifischen Bedingungen in Einklang bringen muss. „So ein Manöver kostet dann schon mal € 25.000,-“ beziffert Dr. Braun die finanziellen Kosten, und die ESA führt davon ca. 28 im Jahr durch. Ausgediente Brennstufen und abgelöste Partikel zuhauf erhöhen das Kollisionsrisiko selbst dann, wenn keine weiteren Starts mehr durchgeführt werden würden. China und Indien lassen dagegen auch im Weltall ihre Muskeln spielen und schießen zur Machtdemonstration eigene, ausgediente Satelliten ab. Andere Staaten werden wohl ihrem Beispiel folgen. Dies schleudert weiter Geschosse ins All und somit kommt Dr. Braun zu der Folgerung: „Der Weltraum ist knapp!“. Erst recht, wenn man sich die Pläne sogenannter Satellitenkonstellationen, OneWeb, Amazon und SpaceX anschaut. Von bis zu 40.000 Satelliten, die noch ins All verbracht werden sollen, ist da die Rede. Der Vermüllung des Weltraumes versuchen die Fachleute mit Strategien zur Explosionsver­meidung, kontrollierter Entsorgung und aktivem Entfernen Herr zu werden.  Eine enorme Herausforderung auch über die bloße Schadensvermeidung hinaus, gibt Dr. Braun zu Be­denken, an der sich aber nicht alle Nutzer gleichermaßen beteiligen. Für ihn ist die Weltraumfahrt neben der Wissenschaft und technisch-kommerziellen Nutzung auch ein internationales Friedensprojekt. „Aber wo bleibt in Zukunft die Fairness, die friedliche Nutzung?“ entlässt der ESA-Experte schließlich mit nachdenklichen Worten das Publikum.

Am nächsten Morgen nutzte Dr. Braun dann die Gelegenheit, 200 Schülern der BBS-Oberstufe, ein Thema, das auch ihr Leben und ihre Zukunft unmittelbar betrifft näher zu bringen. Die Fachbereichsleiterin für Politik und Geschichte, Frau Tietjen, hatte dazu eine hervorragende Veranstaltung an der Bremervörder Schule auf die Beine gestellt.

Hier finden Sie den Bericht von Herrn Ulrich Evers vom 24.10.2019 im ANZEIGER zum download.