Sektion Fulda

Sektion Fulda

Dienstag, 22.06.2021 - 19:00

"80 Jahre Unternehmen ‚Barbarossa‘“ - Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion und der Beginn des Vernichtungskrieges

in Kooperation mit dem Bonifatiushaus

In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich mit über drei Millionen Wehrmachtssoldaten und einigen Hunderttausenden der Verbündeten in einem neuerlichen Versuch des ‚Blitzkrieges‘ die Sowjetunion. Einer zunächst beispiellosen Erfolgsserie folgte die Niederlage in der Schlacht vor Moskau. Der anschließende Gegenangriff der Roten Armee drängte die Wehrmacht im Dezember 1941 wieder zurück und belegte das Scheitern des Blitzkriegskonzeptes. Gleichwohl dauerte der deutsch-sowjetische Krieg noch bis zum Mai 1945 und forderte auf Seiten der Sowjetunion fast 27 Millionen Leben, darunter 11,4 Mio. Soldaten, von denen drei Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft umkamen. Dagegen stehen 2,7 Mio. gefallene deutsche Soldaten; etwa 1,1 Mio. weitere starben in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Zwischen 22 und 27 Mio. Sowjetbürgerinnen und –bürger wurden zur Zwangsarbeit gepresst, ca. 2,8 Mio. von ihnen dazu ins Deutsche Reich verschleppt. Dieser Krieg war eben nicht alleine eine militärische Auseinandersetzung, er war ein von Anfang an so geplanter Vernichtungskrieg gegen die Menschen in der Sowjetunion.
Vortrag mit begrenzter Teilnehmerzahl + Videokonferenz
Referent: OTL PD Dr. John Zimmermann , ZMSBw, Potsdam

  • Seit 2019   Leiter des Forschungsbereichs Deutsche Militärgeschichte bis 1945 der Abteilung Forschung im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam
  • 2013-2018   Mitglied der Redaktion der Militärgeschichtlichen Zeitschrift (MGZ)
  • 2012   Habilitierung an der Universität Potsdam mit der Studie „Ulrich de Maiziere, General der Bonner Republik 1912-2006, verbunden mit der Zuerkennung der venia legendi für Neuere und Neueste Geschichte
  • Seit 2008   Lehrbeauftragter der Universität Potsdam
  • 2006   Promotion an der Helmut Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg zum Thema „Pflicht zum Untergang? – Die deutsche militärische Kriegsführung im Westen des Reiches 1944/45“
  • 2000 – 2007   Dozent für Militärgeschichte an der Offizierschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck
  • 1997-1998   Verwendung im Truppendienst (4./Fallschirmpanzerabwehrbataillon 272 in Wildeshausen)
  • 1993 – 1997   Studium der Geschichte und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr Hamburg
  • 1988-1993   Ausbildung zum Offizier im Truppendienst und Truppenverwendungen (4./Fallschirmjägerbataillon 252 in Nagold)
  • 1988   Eintritt in die Bundeswehr
  • 1968   geboren in Bruchsal/Baden
Ort: Bonifatiushaus und via Zoom/Webinar -
Organisator: Oberstleutnant d.R. Michael Willi Trost
0661 / 402882

OTL Dr. John Zimmermann bei seinem frei vorgetragenen, schonungslosen Referat zum Vernichtungskrieg des „Unternehmen Barbarossa“.


Der Referent im lebendigen Austausch mit den Fragestellern im großen Saal des Bonifatiushauses.


In der Fragerunde nach dem Vortrag: v.l. SL Michael Trost, Direktor Gunter Geiger, Dr. John Zimmermann.


Vor 80 Jahren überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion/ GSP-Vortrag mit Dr.John Zimmermann im Bonifatiushaus zum „Unternehmen Barbarossa“:
 Ein von Hitler von Anfang an gewollter Vernichtungskrieg

Fulda (mb). Die Wahrheit, was mit dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion über ihre Bevölkerung am 22. Juni 1941 hereinbricht, ist schlimmer als die schlimmsten Horror-Szenarien. Als deutsche Soldaten unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ die Grenze des annektierten Polen Richtung Osten überschreiten, beginnt ein in der Geschichte nie dagewesener Vernichtungsfeldzug. Mit fast 27 Millionen toten Soldaten und Zivilisten alleine auf sowjetischer Seite. Und rund 3,8 Millionen gefallenen Deutschen. Schonungslos offen beleuchtet Oberstleutnant Dr. John Zimmermann aus aktuellem Anlass, nämlich „80 Jahre Unternehmen Barbarossa -  Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion und der Beginn des Vernichtungskrieges“, das Grauen dieser entscheidenden Phase des Zweiten Weltkriegs. Vor Mitgliedern und Gästen der Fuldaer Sektion für Sicherheitspolitik (GSP) sowie des Bonifatiushauses hat der Leiter des Forschungsbereiches „Deutsche Militärgeschichte bis 1945“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam ein in Worten kaum fassbares Bild des so genannten deutschen „Russlandfeldzugs“ nachgezeichnet.

Glasklar beschrieben

Angesichts des von deutscher Seite ausgehenden unsagbaren Leids klingt die Eingangs-Feststellung von GSP-Sektionseiter Michael Trost tröstlich, denn es sei geradezu ein Wunder, „dass wer heute nach Russland fährt, keinen Hass erfährt, sondern Gastfreundschaft.“ Wie wichtig dieses Thema sei und wie groß die Resonanz auf die Kooperationsveranstaltung von GSP und dem Bildungshaus des Bistums ist, heben sowohl Trost als auch der Direktor des Bonifatiushauses Gunter Geiger hervor. Erfreulich aus Referenten-Sicht: Auch einige Soldaten sind unter den Zuhörern. Ein Beleg dafür, „dass man sich der Geschichte stellt“, freut sich Zimmermann zunächst, um dann in Wort, Textquellen und Bildern die furchtbare Wirklichkeit dieses Krieges zu schildern. Was mit dem „Unternehmen Barbarossa“ (übrigens eine Anspielung auf den deutschen Kaiser Friedrich I. und seinen Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“) beginnt, hätten viele wesentlich frühzeitiger erkennen, ja sogar nachlesen können. Schon in „Mein Kampf“ habe Hitler „glasklar beschrieben, was er will. Er will Land für ein Volk ohne Raum gewinnen.“ Mit der geheimen Weisung 21 vom 18. Dezember 1940 an das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wird aus dieser Vision brutale Wirklichkeit. Darin instruiert Hitler die Armeeführung: „Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.“ Bis Mai 1941 sollen die militärischen Vorbereitungen stehen. Geplant ist, die Sowjetunion entlang der Linie Wolga - Archangelsk zu besetzen. Wie dieser Krieg geführt werden soll, auch das sei von Anfang an klar gewesen, verdeutlicht Zimmermann: „Im besetzten Gebiet hat der Sowjetmensch nur als Arbeitssklave Berechtigung.“ Als Ergebnis dieser werteverachtenden Doktrin „ist die Vernichtung der Menschen auf dem Fuß gefolgt.“ Für Russland sei das deutsche Vorgehen im „Großen Vaterländischen Krieg“ daher bis heute identitätsstiftend.

Verbrechen

Mit einer Auswahl an Textdokumenten und Bildern untermauert Zimmermann die verbrecherische Zielsetzung der Wehrmacht. In einer Geheimen Anweisung des Chefs des Stabes der Seekriegsleitung, Admiral Kurt Fricke, an die Gruppe Nord (General-Admiral Carls) über die Vernichtung der Stadt Leningrad vom 29. September 1941 heißt es wörtlich, „der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen.“ Erich Hoepner, Oberbefehlshaber der Panzergruppe 4, spricht voll zynischem Pathos davon: „...Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum…Dieser Kampf muss die Zerstörung des heutigen Russland zum Ziel haben… Jede Kampfhandlung muss in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein…“ Kaum anders klingt es aus dem Mund von Hermann Hoth, Oberbefehlshaber der 17. Armee am 17.11 1941: „Der Ostfeldzug muss anders zu Ende geführt werden als der Krieg gegen die Franzosen…..Jede Spur aktiven oder passiven Widerstandes oder irgendwelchen Machenschaften bolschewistisch-jüdischer Hetzer ist sofort erbarmungslos auszurotten.“

Aber es gibt auch die anders denkenden Militärs, wie etwa der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die nicht einfach nur gehorchen: „Einmal kam ein Befehl von oben, wir sollten keine Gefangenen machen. Ich erinnere mich noch lebhaft an unsere Empörung über diesen Quasi-Mordbefehl, den wir vom Regimentsstab aus – ich war damals Regimentsadjutant – nicht weitergaben und der, soweit mein Überblick reichte, bei uns auch nirgends angewendet wurde.“

Aufschlussreich sind auch die Aufzeichnungen des militärischen Leiters der Abteilung II im Amt Ausland/Abwehr des OKW, Oberstleutnant Erwin Lahousen, vom 31.10 1941: „Die 6. Armee unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall von Reichenau hat Befehl gegeben, dass alle schlapp machenden Kriegsgefangenen zu erschießen sind. Bedauerlicherweise wird dies an der Straße, selbst in Ortschaften vorgenommen, sodass die einheimische Bevölkerung Augenzeuge dieser Vorgänge ist. Der deutsche Soldat kämpft ritterlich für den Sieg seines Volkes. Grausamkeiten und nutzlose Zerstörungen sind seiner unwürdig. Kriegsgefangene dürfen nicht misshandelt oder beleidigt werden.“ Lahousen zählt später zum militärischen Widerstand gegen das NS-Regime. Ab 30. November 1945 sagt er in Nürnberg im Rahmen des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher als einziger Kronzeuge der Anklage aus. „Ich muss aussagen für alle, die sie ermordet haben…“, bekennt der Offizier.

Der Vernichtungskrieg im Osten sei, wie Zimmermann weiter ausführt, von Anfang an mit dem Holocaust verbunden gewesen. Außerdem seien Massenvernichtungswaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden. „Inzwischen weiß ich, der Zweite Weltkrieg ist noch längst nicht ausgeforscht. Wir müssen noch ganz, ganz viel Arbeit leisten.“

Start in den Weltkrieg

Im „Unternehmen Barbarossa“ sieht Zimmermann den „Start Deutschlands in den Weltkrieg“. Alle Kampfhandlungen zuvor seien „kontinentalpolitische Geschichte.“ Spätestens mit dem Überfall auf die Sowjetunion habe sich „der Krieg zum Weltkrieg mit ganz anderen Dimensionen“ entwickelt.

Die anfangs zurückhaltenden Briten verbünden sich mit den Sowjets. Die erste gemeinsame Aktion ist die Besetzung Irans, um die Sowjetunion durch die Sicherung von Erdölreserven zu unterstützen. Ein Vorgehen, das bis heute nachwirkt. Das „Unternehmen Barbarossa“, so das Urteil des Referenten, habe im Grunde 1942 mit der Niederlage in der Schlacht um Moskau sein Ende gefunden. Obwohl das strategische Ziel, Moskau zu erobern, fehlgeschlagen ist, wird dennoch weiter Krieg geführt. „Warum“, so fragt Zimmermann, „ hat man daraus keine Konsequenzen gezogen?“ Während Hitlers Wirtschaftsberater die Besetzung der Ukraine und der kaukasischen Erdölfelder für strategisch wichtig und kriegsentscheidend halten, „haben die Militärs anders gedacht und geglaubt, mit der Besetzung Moskaus das morsche kommunistische System zu Fall zu bringen.“ Quintessenz aus Zimmermanns Sicht: „Ein Krieg wird geführt, der nicht zu gewinnen ist. Und das, obwohl man es wusste. Das wirft ein schlechtes Licht auf das Militär“.

Kein Präventivkrieg

Seinen Vortrag im Bonifatiushaus nutzt der Potsdamer Forscher zugleich, um die häufig geäußerte These eines deutschen Präventivkrieges gegen Stalins Sowjetreich klarzustellen. „Niemand in der Sowjetunion hatte vor, Deutschland zu überfallen. Hitler wollte diesen Krieg.“ Dieser wird tatsächlich als einziger als Blitzkrieg mit Panzerspitzen geplant, um auf einer Frontlinie von fast 2.000 Kilometern in die Sowjetunion vorzustoßen. Von einer Wehrmacht, deren Masse laut Zimmermann allerdings hauptsächlich „zu Pferde und zu Fuß unterwegs war und deren

Panzer schnell abgenutzt waren“ Nicht etwa durch Feindeinwirkung, sondern weil die Fahrzeuge technisch ausgefallen sind. Das habe den Feldzug von Anfang an beeinträchtigt. Wie auch der Umstand, dass der deutsche Fuhrpark aus sage und schreibe 153 verschiedenen Lkw-Typen bestanden habe. „Da musste man einfach scheitern. Die Wehrmacht hat sich buchstäblich zu Tode gesiegt. Nicht zuletzt dadurch, dass die Verluste während des ganzen Krieges nicht mehr ersetzbar waren.“

All die menschlichen Verluste, all das Leid und die Verbrechen hätten nicht sein müssen. „Man hätte viel früher reagieren müssen, als man bereits wusste, was geplant war“, lautet rückblickend Zimmermanns nur allzu konsequentes Fazit.

Text:   GSP-Pressereferent Michael Schwab
Fotos: Gisbert Hluchnik