Oberst d.G. Dr. Markus Reisner zur aktuellen Lage in der Ukraine

Oberst d.G. Dr. Markus Reisner zur aktuellen Lage in der Ukraine

Hinweis: Ton im Video erst ab 1:12 min

Berichterstattung zur Veranstaltung „Der Krieg um die Ukraine – eine aktuelle Lageeinweisung“

Oberst des Generalstabsdienstes (d.G.) Dr. Markus Reisner, Kommandant der Garde österreichisches Bundesheer, trug am 26.09.2023 in einer Zoom-Veranstaltung (ca. 200 Teilnehmer) der GSP-Sektion Bonn in Kooperation mit Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn zu „Der Krieg in der Ukraine – eine aktuelle Lageeinweisung“ vor.

Die Co-Moderation der Veranstaltung lag in den Händen von Dr. Joachim Weber, Senior Fellow Strategische Vorschau und Risikoanalyse CASSIS.

Ziel des Vortrages war nicht so sehr die politische Dimension des Krieges, sondern vielmehr ging es um aktuelle Entwicklungen und militärische Zusammenhänge. Oberst d.G. Dr. Reisner leitete daher auch mit beeindruckenden Zahlen ein: 580 Tage dauere der Krieg schon, der eigentlich bereits seit 3480 Tagen – dem Beginn der Annexion der Krim 1914 – geführt werde und die Offensive bereits seit 115 Tagen laufe. Seine erste These lautet: die Ukraine war auf den Krieg vorbereitet; wir im Westen jedoch nicht.

Weiterhin führte er mit einer Orientierung zu Größe, geografischen Besonderheiten und Topografie der Ukraine aus, die wesentlich den Kampfverlauf mitbestimmten; allein der Frontverlauf betrage ca. 1200 Kilometer (vergleichbar Berlin – London). Zudem verwies auf die wirtschaftlichen Abhängigkeiten (Getreideexporte) der Ukraine. Dieses seien Dimensionen, die in der westlichen Diskussion nicht ausreichend präsent seien, wenn es um die Kriegsführung und deren Erfolge ginge. Zudem liege der Kriegsschauplatz vor unserer Haustür. Hier herrsche vielfach unzureichendes Wissen, gerade auch bei Ratschlägen zur Unterstützung der Ukraine und deren militärischen Operationen. Seine zweite These fasste zusammen, dass die Ukraine keine Ratschläge hierzu von westlichen „Experten“ brauche.

In seinen weiteren Darlegungen ging der Referent auf die staatlichen Möglichkeiten der Machtprojektion ein und verglich diese mit einem Kartenspiel. Hier habe Putin die militärische Karte ausgespielt. Der postheroische Westen sei „geschockt“ gewesen. Man habe nicht begriffen – so eine weitere These – dass Russland immer noch eine heroische Gesellschaft sei. Die auf die Aggression folgenden wirtschaftlichen Reaktionen seien unzureichend. Russland spiele die ökonomische Karte und umgehe die Sanktionen mit Hilfe der Länder des Südens namentlich China und Indien. Zu dem schüre es Ängste in den europäischen Staaten hinsichtlich Hungers, dadurch ausgelöster Massenmigration, nuklearer Eskalation und wirtschaftlichem Kollaps als Folge des Krieges.

Anschließend ging er auf die Domänen der Kriegführung ein und bewertete diese, speziell widmete er sich der „Information“. Der Westen – so seine nächste These – wisse nicht, was die Ukraine wirklich bedürfe, und man rede sich die Situation seit einigen Monaten schön.

Seine weiteren Betrachtungen galten den wesentlichen militärischen Ebenen von Taktik bis Strategie. Beide Seiten hätten aus den (Miss-) Erfolgen der Operationen gelernt und große Flexibilität gezeigt. Er betonte den hohen Stellenwert der Artillerie und Drohnen, die letztlich bewegliche Operationen unmöglich gemacht hätten. Folge sei ein Abnützungskrieg. Zugleich werde ukrainische Infrastruktur (z.B. Energieversorgung) auch im Hinterland massiv angegriffen. Russland habe augenscheinlich seine strategische Rüstung wieder auf Vorkriegsniveau gebracht.

Im Folgende erläuterte Oberst d.G. Dr. Reisner detailliert die verschiedenen Phasen des Krieges ein. Hierzu wird auf die Videoaufzeichnung verwiesen. Er schließt diesen Abschnitt mit dem Fazit, dass die Ukraine sich in einem Stellungskrieg gegen einen tief gestaffelten Feind befinde, sehr hohe Verluste erlitten habe und daher zunehmend auf personelle, weniger kampferprobte Reserven angewiesen sei. Die Moral der Truppen sei zwar gut, aber man brauche mehr Soldaten (Russland ca. 145 Mio. Einwohner gegen Ukraine mit 33 Mio.). Eine Mobilisierungswelle laufe. Westliche Waffenhilfe sei daher umso dringender, da die Ukraine nicht über alle Fähigkeiten zum Kampf der verbundenen Waffen verfüge. Er stellte dem die russische Seite gegenüber, bei der Putin immer noch einen starken Rückhalt in der Bevölkerung habe. Es gebe erneut einen Großen Vaterländischen Krieg – gegen den Westen. Hierbei werde Russland massiv von Indien, China und anderen Staaten des Südens unterstützt, die dabei selbst gute Geschäfte machten.

Im letzten Teil seiner Ausführungen ging der Vortragende auf eine mögliche Eskalation ein. Er stellte die Frage, warum der Westen nicht mehr Waffensystem geliefert oder z.B. das russische satellitengestützte Navigationssystem GLONASS gestört habe. Seine abschließende These lautet, dass der Westen bzw. die USA moderat in ihren Maßnahmen seien, um Russland lediglich zu „containern“ aus Furcht vor einer letztlich nuklearen Eskalation. Es gebe keine Option des „all in“, da der Westen nicht bereit sei, auf die erforderliche Kriegswirtschaft umzustellen. Man sei sich auch der eigenen Verletzlichkeit zu wenig bewusst. Europa müsse handeln.

Die anschließende Diskussion ging auf die russische Fehlkalkulation des Angriffserfolges, die ukrainischen Kriegsziele, die westlichen Waffenlieferungen und die russische Reaktion darauf sowie die personelle Durchhaltefähigkeit der Ukraine ein. Ebenso wurde die Lieferung TAURUS durch Deutschland und die Frage, ob der Westen Kriegspartei sei, vertieft. Die Eskalationsdominanz beider Seiten und deren Willen zu Verhandlungen wurden intensiv diskutiert.

Oberst d.G. Dr. Reisner hat einen tiefen Blick in das Militärische des Ukraine-Krieges gegeben – präzise, schnörkellos und direkt. Insbesondere hat er mit seinen nachdenklichen Anmerkungen dem Publikum deutlich gemacht, dass sich der Westen der Tragweite der russischen Aggression überhaupt nicht bewusst sei und einer trügerischen Fehleinschätzung unterliege (Stichwort: Münchener Abkommen 1938 und Appeasement). Man rede sich die Welt schön und sehe nicht die Konsequenzen des Krieges in der unmittelbaren Nachbarschaft auch auf uns. Offene, ehrliche und notwendige Worte, die man in der deutschen Diskussion vergeblich sucht und vermisst.

Zusammengefasst: Eine schonungslose Analyse, eine nachvollziehbare, nicht den Nachbarn Deutschland belehren wollende Bewertung und klare Empfehlung für das Handeln. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung, die zum Nachdenken angeregt hat.

Text: Joachim Schulz, Pressebeauftragter GSP Bonn

 

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