Ernst Reuter „Ihr Völker der Welt! Ihr Völker in…

Ernst Reuter „Ihr Völker der Welt! Ihr Völker in…

Am 12. Mai 1949 beendet die sowjetische Besatzungsmacht die Sperrung der Land- und Wasserwege nach West-Berlin. Begonnen hatte die Blockade gegen die Westsektoren in der Nacht zum 24. Juni 1948.

Berlin wird nach Kriegsende im Mai 1945 in vier Sektoren, den amerikanischen, den britischen, den französischen und den sowjetischen geteilt. Die Grenze zum Ostsektor verläuft mitten durch die einstige Hauptstadt Deutschlands. Wie eine Insel ist Berlin von den Sowjets eingeschlossen. Vorgesehen war, dass die Gesamtverwaltung der Stadt von einer Kommandantur, bestehend aus den vier Alliierten wahrgenommen werden sollte.

Schon Ende April ist eine Gruppe Kommunisten, unter Führung von Walter Ulbricht, aus Moskau nach Berlin gekommen. Sie hatte den Auftrag die Politische Hauptverwaltung der 1. Belorussischen Front beim Aufbau der Verwaltung in Berlin zu unterstützen. Dem ersten achtzehnköpfigen Magistrat für Berlin, der noch im Mai gebildet wird, gehören neun Kommunisten an.
Der Vorsitz der Alliierten Kommandantur wechselt zwischen den Besatzungsmächten. Ihre Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden. Bei der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 haben die vier Siegermächte u.a. beschlossen, die Verwaltung Deutschlands föderalistisch aufzubauen.
Am 20. Oktober 1946 finden in Berlin erstmals wieder Wahlen zum Stadtparlament statt. 92,3 Prozent der Wahlberechtigten beteiligen sich daran. 48,7 Prozent wählen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD).

„Menschenraub“ ist an der Tagesordnung

Am 24. Juni 1947 wird Ernst Reuter (SPD) zum Oberbürgermeister gewählt, seine Wahl aber schon am nächsten Tag von den Sowjets nicht anerkannt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Sowjets und den Alliierten werden immer heftiger. In den nächsten Wochen folgen Schikanen und Störungen der Verkehrsverbindungen zwischen Westdeutschland und West-Berlin. Mit einer „Kleinen Luftbrücke“ versorgen die Amerikaner schon vom 2. bis 4. April ihre rund 25.000 in West-Berlin lebenden Zivil- und Armeeangehörigen.
Am 5. April kommt es beim Anflug eines britischen Transportflugzeuges auf den Flugplatz Gatow, bis 2. Juli 1945 unter sowjetischer Verwaltung, zum Zusammenstoß mit einem Jagdflugzeug. Die 14 Insassen des Transporters und der sowjetische Pilot finden den Tod. Die Sowjets weisen den Briten die Schuld am Unfall zu.

Die Berlin-Blockade beginnt

Am 16. Juni 1948 findet die letzte gemeinsame Sitzung gemeinsame der Alliierten Kommandantur statt. Am 18. Juni geben die Westmächte die Währungsreform für ihre Besatzungszonen bekannt, West-Berlin wird aber ausgenommen. Marschall Wassili Sokolowski, Chef der sowjetischen Militäradministration in Deutschland, erklärt am nächsten Tag, dass Groß-Berlin ein Teil der sowjetischen Besatzungszone sei und verbietet die Einführung der neuen Währung.
Am 23. Juni wird der gesamte Güter- und Personenverkehr auf der Eisenbahnstrecke Helmstedt-Berlin wegen „technischer Schwierigkeiten“ eingestellt. Ebenso werden die Landverbindung und die Wasserstraßen gesperrt. Die Nacht des 24. Juni ist der offizielle Beginn der Berlin-Blockade.

Die „Operation Vittles“ läuft an

Die verbalen Proteste der Alliierten gegen die Sperrung der Zufahrtswege nutzen nichts. Jetzt sind die „Schutzmächte“ gefragt und sie reagieren schnell. Der amerikanische Militärgouverneur General Lucius D. Clay befiehlt am 25. Juni, nach Entscheidung durch den amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman, den Aufbau einer Luftbrücke, die „Operation Vittles“., die Briten nennen sie „Plainfare“
Schon am nächsten beginnt die Versorgung der rund 2,1 Millionen Einwohner West-Berlins. Zu Beginn der Blockade reichen die Kohlevorräte für die West-Berliner Kraftwerke für etwa zehn und die Lebensmittelvorräte für etwa dreißig Tage.
Ernst Reuter ruft die Berliner zum Widerstand auf. „Volk von Berlin! In diesen Stunden schwerster Entscheidungen rufen wir euch zu: Laßt euch von niemanden und von nichts verwirren…“
Mit 110 zweimotorigen, aus ganz Europa zusammengezogenen Douglas DC-3 (Dakotas), beginnen die Flüge. Teilweise standen die Maschinen schon auf den „Schrottplätzen“, nun wurden sie wieder flugfähig gemacht. Der Berliner Volksmund hat bald einen Namen für sie, der in die Geschichte eingeht: „Rosinenbomber.

Gali Halvorsen – Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Bild:GailHalvorsen1989.jpg

Ein organisatorisches Meisterstück

Der durchschnittliche Tagesbedarf West-Berlins an Versorgungsgütern liegt bei 12.000 Tonnen. Die Dakotaflotte wird bald durch viermotorige Douglas C-54 Skymaster, diese haben eine Ladefähigkeit von acht Tonnen, ergänzt. Die größten von der US-Luftwaffe eingesetzten Maschinen sind die Douglas C-74 Globemasters, sie haben eine Ladekapazität von 25 Tonnen. Die Flugzeuge landen in Abständen von zwei bis drei Minuten auf den Flughäfen Tempelhof und Gatow.
Von acht Flughäfen in Westdeutschland starten die Maschinen durch drei Luftkorridore nach Berlin. Die US-Luftwaffe beruft Reservisten ein, um den Bedarf an Piloten und technischem Personal zu decken.
Die Labour Service Einheiten und die Industrie-Polizei der Amerikaner werden verstärkt. Auch Großbritannien setzt seine Civil Labour Organisation ein. Frankreich kann sich dem politischen Druck zur Hilfeleistung nicht entziehen und stellt ab Dezember deutsche Arbeitseinheiten auf. Der Flughafen Tegel wird fertig ausgebaut und französische Flugzeuge verstärken die Luftbrücke. Mit 2400 Meter bekommt Tegel die längste Start- und Landebahn.
Mit einer deutlichen politischen Geste, der Verlegung von 60 B-29-Bombern aus den USA auf Flughäfen in Großbritannien, demonstrieren die Vereinigten Staaten im Juli sich nicht von den Sowjets erpressen zu lassen.

Ernst Reuter: „Ihr Völker der Welt…“

Am 9. September1948 kommt es zum Alarmruf Ernst Reuters vor dem zerstörten Reichstagsgebäude. „Ihr Völker der Welt! Ihr Völker in Amerika, in England, Frankreich und Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.“
Am 5. Dezember wird in den Westsektoren gewählt, die Besatzungstruppen stehen dabei in Alarmbereitschaft. Mit 64,5 Prozent wird die SPD stärkste Partei und Ernst Reuter Oberbürgermeister.

Die Ostertage 1949 brechen alle Rekorde

12.940 Tonnen Lebensmittel und Kohle werden in 24 Stunden eingeflogen, 1.440 Hin- und Rückflüge an einem Tag. Die Kosten des Lufttransports tragen die Alliierten. Die Versorgungsgüter werden von der Bevölkerung der drei Beatzungszonen über das „Notopfer Berlin“ finanziert.
Über die Luftbrücke werden im Frühjahr 1949 mehr Lebensmittel in die Stadt gebracht als vorher mit der Eisenbahn. Die Sowjetunion erkennt, dass sie keinen politischen Erfolg haben kann und beginnt einzulenken.
Nach Geheimverhandlungen zwischen Amerika und der Sowjetunion, kommt es am 4. Mai 1949 in New York zur Unterzeichnung einer Vereinbarung, mit der die Berlin-Blockade beendet wird.

Die Landverbindungen werden wieder frei

Am 12. Mai 1949 kann West-Berlin wieder auf dem Landweg erreicht werden. 78 Soldaten und Zivilangehörige haben während der Blockade ihr Leben verloren Das Luftbrückendenkmal in Tempelhof, es symbolisiert die drei Luftkorridore, erinnert an die Opfer. Nach Ende der Blockade wurde die Luftbrücke noch bis in den Spätsommer fortgesetzt. Vom 26. Juni 1948 bis 30. September 1949 wurden 277.569 Versorgungsflüge mit rund 34 Millionen Tonnen Fracht von Amerikaner und Briten durchgeführt. Auf den Rückflügen werden u.a. auch Berliner Kinder und Jugendliche zur Erholung in die Westzonen mitgenommen.
Die erste Berlinkrise ist damit beendet, sie wurde mit logistischen Mitteln gelöst. Die Sowjetunion kann sich mit der Absicht ihren Einflussbereich auf ganz Berlin auszudehnen nicht durchsetzen. Berlin bleibt aber weiter Fronstadt des Kalten Krieges und Brennpunkt der Ost-West-Konfrontation. Während der Zeit der Blockade tagte in Bonn der Parlamentarische Rat und formulierte das Grundgesetz. Am 23. Mai 1949 wird es in Bonn verkündet.

Luftbrücke zum Anfassen

Ein Verein organisiert vom 10. bis 16. Juni 2019 die „Rückkehr der Rosinenbomber“. Von den weltweit noch im Einsatz befindlichen ca. 160 Maschinen werden etwa 40 in Deutschland erwartet. Auf der Airbase Wiesbaden-Erbenheim, dem Fliegerhorst Faßberg, hier befindet sich die Erinnerungsstätte „Luftbrückenmuseum“ und dem Flugplatz Schönhagen, südlich von Berlin, werden sie zu besichtigen sein und Rundflüge anbieten. Dabei sein wird auch Gail Halvorsen (* 10. Oktober 1920), der Pilot, der beim Anflug auf dem Flughafen Tempelhof an kleinen Fallschirmen befestigte Süßigkeiten für die Kinder abwarf. Die Schirmherrschaft für die Erinnerungsveranstaltung hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernommen.

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